Wachsam, weich und wütend.

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.10.2001

Quelle

Weser Kurier

Autor / Interwiever

Iris Hetscher

Kurz vor der Pause gab Konstantin Wecker so richtig Gas: Das fingierte Zwiegespräch mit seinem Freund "Willy" hat er umgetextet zu einer wortgewaltigen und wütenden Abrechnung mit der derzeitigen politischen Weltlage. Tenor: Krieg ist keine Lösung. Den Nerv des Publikums traf er damit punktgenau, beim Tourneeauftakt am Sonntag gab es für jeden Satz Beifall. Er löckt wider den Stachel, er lässt sich das Nachdenken über "Probleme, die vor dem 11. September welche waren, auch nach dem 11. September nicht verbieten". Konstantin Wecker, Liedermacher-Urgestein seit beinahe 30 Jahren, ist mit seiner aktuellen Tournee und CD "Vaterland" inhaltlich auf der Höhe der Zeit. Und nicht nur das, bei seinem Konzert im fast ausverkauften großen Saal der Glocke präsentierte er sich auch als unglaublich vital und experimentierfreudig.

Doch der Reihe nach. Mit seiner neuen CD, so hatte er unserer Zeitung bereits im Frühjahr verraten, wolle er wieder stärker gesellschaftspolitische Entwicklungen kommentieren. Das ist ihm gelungen. Die spezielle Wecker-Mischung aus scharfzüngigen und poetischen Sottisen wirkt frisch und frech. Er verspottet Trendbesessene und Börsianer, er kritisiert mit Brechtscher Treffsicherheit den stets lukrativen Kreislauf von Waffenhandel und Waffeneinsatz aktuelle Spitzen inklusive.

Zur Politik hat Wecker viel zu sagen, mal bricht es brachial aus ihm heraus, mal scheut er sich nicht davor, "Angst um Dich und mich´ zu haben. Aber auch die zweite Ebene seines Schaffens kommt nicht zu kurz. Dramaturgisch klug aufgebaut ist das Zwei-Stunden-Programm, es kennt viele sehnsuchtsvolle Lieder über das Leben und die Liebe - oft durch die Metapher des Sommers symbolisiert. Zu den neuen kommen viele bekannte Stücke, die aber nicht einfach in alter Schönheit vorgespielt werden, sondern neu arrangiert worden sind. Und hier kommt Weckers Band ins Spiel.

Auffällig von Beginn an: Hier stimmt die Chemie. Und: Die Jungs waren am Sonntag verdammt gut drauf. Wecker selbst ist ein einfallsreicher Pianist, doch er hat sich weitere großartige Solisten zur Unterstützung geholt. Jo Barnikel griff kongenial in die Keyboardtasten, Bassist Sven Faller sorgte zusammen mit Jens Fischer-Rodrian (Perkussion) für ein verlässliches Rhythmusgerüst. An Gitarre und Trompete überzeugte Weckers alter Weggefährte Gerd Baumann (Gitarre, Trompete). Zusammen produzierten Wecker und Band einen erlesenen und spannungsreichen Sound aus Jazz, Blues, Chanson, Kurt Weill und manchmal sogar Pop. Kuriosita inbegriffen: Da ließ der Star einen spielzeugkeyboardöden Techno-Rhythmus scheppern, und sang dazu den Klassiker: "Ihnen fehlt der Experte - für die genügende Härte". Das Publikum dankte ihm mit lang anhaltendem Applaus.