Mein Vater reicht mir

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

17.10.2001

Quelle

Thüringische Landeszeitung

Autor / Interwiever

Weimar von Sabine Brandt

Gerät die Welt aus dem Gleichgewicht, sind Liedermacher gefragt. Zum Beispiel Konstantin Wecker. Vor einigen Tagen begann seine "Vaterland Tour 2001", die ihn und seine Band aus Jo Barnikel (Keyboard), Gerd Baumann (Gitarre), Jens Fischer-Rodrian (Percussion) und Sven Faller (Kontrabass) am Sonntag, 21. Oktober, in die Weimarhalle führen wird. Die TLZ bekam Wecker in Leipzig an den Telefonhörer.

Vaterland, der Begriff taugt zum Polarisieren. Haben Sie gute oder weniger gute Assoziationen damit?

Erst einmal stelle ich eine Frage: Was ist das überhaupt, Vaterland? Ich leiste mit dem Lied einen recht besonnenen Beitrag als Antwort. Ich bin mir sicher, dass das Thema im nächsten Wahlkampf brutal ausgeschlachtet wird. Da werden viele dumpfe Emotionen frei. Ich bin der Meinung, dass man sich ruhig mit dem "Vaterland" auseinandersetzen sollte. In den letzten Zeilen komme ich zu dem Schluss: Mir reicht mein Vater zur Genüge, ein ganzes Land, das war schon immer eine Lüge. Das ist nicht als Herumhackerei auf Deutschland misszuverstehen, das wäre ja schon wieder eine Abart von Patriotismus. Ich versuche, diesen Begriff gegen einen anderen abzugrenzen: Heimat. Ich setze mich in diesem Lied ruhig damit auseinander und komme zu einer dezidierten Meinung.

Aber die ganze Tour heißt "Vaterland" ...

Als ich sie geplant hatte, konnte ich nicht ahnen, dass das Thema noch brisanter werden würde. Damals kamen von Roland Koch erste Sprüche, man müsse jetzt die Hymne wieder auswendig hersingen können. Kurz vorher gab es Umfragen, in denen die Leute ihren Stolz bekunden durften auf ihr Deutschsein.

Stolz auf alles Deutsche und die Hatz auf Ausländer, die zu der Zeit wieder einmal zunahm - der Zusammenhang lässt sich kaum kleinreden ...

Das war mein Thema schon immer und das wird es auch bleiben. Also nochmal: Mein Name in Zusammenhang mit Vaterland lässt nur zwei Deutungen zu - entweder wäre ich zu einem zweiten Horst Mahler mutiert oder ich bin der geblieben, der ich war. In dem Fall kann man sich denken, was ich meine.

Auf Ihrem Programm steht die "hinterfotzige Hymne auf Dabbljuh Bush". Wenn man Sie kennt und wenn man Bush kennt, kann man sich einen Reim darauf machen, welche Töne Sie anschlagen. Mussten Sie Ihr Programm nach dem 11. September nachbessern?

Nein. Die einzige Frage, die sich vor jedem Konzert stellt, ist: Spielen wir "Amerika" oder nicht. Wir überlassen das dem Publikum. Denn nichts an dem Lied ist falsch aufgrund des Anschlags. Der Anschlag macht nicht die Verbrechen des CIA und die Taten der Bush-Familie ungeschehen. In den ersten Tagen nach dem Anschlag habe ich überlegt, ob man bissig-zynisch damit umgehen könne. Je länger die Bombardierungen dauern, desto sicherer bin ich: Man muss es so machen.

Und? Wie entscheidet das Publikum?

Vorgestern in Bremen hat es es lautstark eingefordert. In Bielefeld haben wir es nicht gespielt.

Herr Wecker, Sie haben zwei kleine Kinder, zwei und vier Jahre, und eine umfangreiche Tour vor sich. Wie oft packt Sie denn die Sehnsucht nach Hause?

Nach Hause nicht so sehr, aber nach den Kindern. Wir sehen uns oft, meine Kinder sind das Reisen gewöhnt und haben sogar richtig Spaß dran. Für mich ist es unbedingt notwenig, die Kinder in dieser wichtigen Phase so oft wie möglich zu erleben.

Die Kinderliedertour, die Jim-Knopf-Vertonung und jetzt das Musical um "Petterson & Findus" - es scheint, als schöpften Sie viel Inspiration aus Ihren Kindern ...

Sowas Wundervolles habe ich früher nie erlebt, es sind ja meine ersten Kinder. Da tut sich eine völlig neue Dimension auf. Und ich glaube immer stärker, dass meine wieder zunehmende Politisierung in den letzten Jahren mit den Kindern zu tun hat. Kinder sind dazu da, um glücklich zu sein. Das darf man ihnen nicht wegnehmen. Überlegt man einmal, wieviele Kinder durch unsere Torheiten leiden, muss man zum Denken und Umdenken kommen. Es geht gar nicht anders.