Bayrischer Utopist mit Herz für die Welt

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

18.10.2001

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Anne-Kathrin Peitz

Er ist wütend. Er rüttelt am Einbahnstraßendenken, provoziert, attackiert. Ganz der Alte mit großer bajuwarischer Klappe. Er ist wieder da - wo er immer war, genau dran an gesellschaftlicher Befindlichkeit. Das Enfant terrible der Liedkunst liefert sich bei seiner Promotiontour quer durch Talkshows zur aktuellen Weltlage Wortscharmützel mit Rechthabern und politisch Rechten. Und bezieht Stellung am angestammten Platz. Am Klavier. Auf Deutschland-Tournee mit dem gleichnamigen neuen CD-Titel "Vaterland".

Konstantin Wecker rechnet ab. Mit Krieg, Terror, der westlichen Welt. Und scheucht dazu den "Willy" einmal mehr aus seiner ewigen Ruhe. Die Zwiesprache mit dem alten Freund gerät zur wortgewaltigen Anklage über öffentliches "Trauer-Management" und Trauermangel, als in Ruanda Millionen niedergemetzelt wurden, zu ironischem Konsta(n)tieren: "Angeblich ist seit dem 11. September nichts mehr wie es war. Aber Wesentliches hat sich nicht geändert ..." Wecker trifft den Nerv der Leipziger Fans, die das Gewandhaus zwar nicht bis auf den letzten Sitz füllen, dafür aber wie ein Mann hinter ihrem Barden stehen, jeden Satz mit Beifall bejubelnd.

Der Phönix ist auferstanden: In Leipzig zeigt sich der ewige Mahner gestrafft, kantig, weise. Frisch und frech ist sein Programm aus Reminiszenzen, aber auch scharfzüngigem Neuem über Trendbesessene, Börsianer und das "Vaterland". Er ist gut drauf, seine Jungs können´s (Jens Fischer-Rodrian, Gerd Baumann, Sven Faller und der Weggefährte und kongeniale Klavierbegleiter Jo Barnikel) und liefern erstklassigen Sound: groovig, jazzig, mal chansonhaft.

Der Lieder-Logopäde wühlt in den Tasten, die Rrrs kullern ihm aus dem Mund, er gnarzt, haucht, peitscht, dramatisiert. Aber er kann auch anders: Seine melancholisch-zarten Liebeslieder sind Seelenbalsam und dabei absolut schmalzfrei. Melodiensüchtig fordern die Zuhörer aller Altersstufen wohl ein Dutzend Zugaben, wollen mehr vom Utopisten mit Herz, von einem, der sich traut, auch auf der Bühne Mensch zu sein - verletzlich, mit Höhen und Tiefen, einer wie du und ich eben.