So blau hat´s mich nie gebluest

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.10.2001

Quelle

Braunschweiger Zeitung

Autor / Interwiever

Jens Hinrichsen

Wer bin ich? "Ein Wohnhauß grimmer Schmertzen", auf diese unsterbliche Frage antworten Gedichtzeilen von Andreas Gryphius, Zeitzeuge eines anderen Krieges, vor 350 Jahren. Auch Konstantin Wecker singt vom Weh, mit viel Musik in der barock-sinnlichen Stimme, egal ob vom persönlichen Älterwerden die Rede ist oder der Barde ein garstiges, weil politisches Lied anstimmt. "Vaterland" heißen neue CD und Promo-Tour. Zum Reizwort gab´s vor Jahren schon einen Titel, aber wie jüngere Geschehnisse zeigen - von denen man zur Produktion der Platte noch nichts wusste - bleibt das Thema aktuell.

Keine wohlfeilen Antworten Verloren streut die karg-schöne Instrumentation Melodienfetzen in den Klangraum - dank der elektronischen Ausstattung kommt der Stadthallen-Sound um Klassen besser als zu Sinfoniekonzerten. Wecker, der immer noch einiges an kräftigem Tenorkern in der Stimme mitführt, mischt Poesie mit Didaktik: "Was ist das nur, ein Vaterland / In welchen Grenzen wohnt es? / In denen wie vor hundert Jahren / Wen hasst es, wen verschont es."

Merkwürdig: im Musikalischen glaubt man Wecker die Betroffenheit, obwohl man nicht einmal das Wort mehr hören mag. Doch: wenn er das Singen lässt, um zum Ungemach der Stunde einen Tagebuchtext vorzutragen, nerven die Formeln. So triftig Weckers Appell an Selbsterkenntnis (der Industriestaaten und der darin Lebenden) ist: Dem nimmermüden Hinweis, es gebe kein richtiges Leben im falschen mangelt es an Alternativen. Wie, bitteschön, sieht denn richtiges Leben aus?

Zapft Wecker die eigene Melancholie an, klingt das ehrlicher. Solche Lieder wollen von Vornherein keine wohlfeilen Antworten geben. Schwester Schwermut diktiert von Pianotränen beträufte Allegorien wie diese: "Wohin du fliehst, sie beißt und nagt / Gibt keinen Frieden, hinterfragt, / die Professoren nennens Depressionen".

Rebellion mit Freejazz Wenn´s nicht ganz so arg kommt, spricht der Bayer vom "Wehdam", der 1947 geborene Münchner hat ein Lied daraus gemacht, veredelt das heulende Elend zum Blues. Gerd Baumann weiß im Gitarrensolo beredt einzustimmen, wenn Wecker befindet: "So blau wie heute hat´s mich nie gebluest."

Jens Fischer-Rodrian, dem manchmal ein mittelgroßes Stück Blech zur Percussion-Seligkeit genügt, Sven Faller am Bass und Jo Barnikel (Tasten) komplettieren das Quintett. Da lässt man, satirisch tönend, zusammen sogar "die Börsianer tanzen". Wenn in "Stürmische Zeiten, mein Schatz" von "Ordnung und Zucht" die Rede ist, rebelliert man mit einem Hauch Freejazz, mittendrin ergänzen sich der klavierspielende Sänger und der (ab und zu) singende Klavier- und Keyboardspieler Jo Barnikel ideal im Tastenspiel. Ein lohnender Abend.