Ich kann aufs Publikum los gelassen werden

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.10.2001

Quelle

Ost-Thüringer Zeitung

Autor / Interwiever

Katja Grieser

Ihre letzte große Tournee war vor fünf Jahren. Jetzt sind Sie mit "Vaterland" wieder in Deutschland unterwegs. Ist der "echte", politisch engagierte Wecker zurück?

Das kann man so sagen. Ich war zwar in den letzten Jahren nicht untätig, aber ich hatte eine Schreibblockade. Jetzt sind die Texte wieder da, also kann ich auch wieder aufs Publikum los gelassen werden.

Warum heißt die neue Scheibe "Vaterland"?

Das habe ich bewusst gewählt. Ich weiß, dass das Thema "Vaterland" im Wahlkampf wieder thematisiert wird. Dabei wird eher schmuddelig, nicht feinfühlig damit umgegangen. Es wird nach Stammtischen geschielt. Wenn zum Beispiel ein Herr Koch in Hessen will, dass wir die Fahne hissen, die Nationalhymne singen, ist das bedenklich. Deshalb wollte ich ein besonnenes Lied schreiben, das die Frage nach dem Vaterland stellt. Darum auch der letzte Satz "...mir genügt mein Vater zur Genüge, ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge".

Worum geht es in den Liedern auf der neuen Platte?

Es ist die gleiche Mischung wie früher. Es sind viele persönliche Lieder dabei, aber eben auch politische. Und natürlich auch zum Krieg, denn wir befinden uns im Krieg, äußere ich mich. Ich mache musikalische Experimente, wie immer. Deshalb bin ich mit sehr jungen Musikern auf Tournee, die jung, feinfühlig und intelligent musizieren.

Am Dienstag spielen Sie zum dritten Mal in Gera. Erinnern Sie sich noch an die ersten beiden Auftritte?

Ich kann mich, glaube ich, an die Halle erinnern - sie ist kein Barockschlösschen, oder? Aber wir werden auch diesmal versuchen, dort private Stimmung zu zaubern.

Auf der neuen Scheibe ist das Lied "Amerika", in dem Sie schonungslos mit der USA und Präsident Bush abrechnen. Spielen Sie das?

Ich habe mich entschieden, dass wir das Lied auf Zuruf spielen. In zwei Städten hat es das Publikum gefordert, da haben wir es natürlich mit Freude gespielt. Durch die Terroranschläge auf die USA verschwinden ja die Verbrechen nicht, die die CIA und Bush begangen haben. Man kann und soll damit ironisch umgehen. Ich stehe nach wie vor zu diesem Text.

Gehen Sie auf die aktuellen politischen Ereignisse beim Konzert ein?

Ich will etwas gegen die allgemeine Sprachlosigkeit und Reglementierung tun. Deshalb werde ich wieder mit meinem toten Freund Willy "sprechen", um ihm mein Herz auszuschütten. Und genau damit spreche ich vielen Leuten aus dem Herzen. Es gibt nämlich noch mehr Gegner der momentanen Situation, der blinden Bündnistreue und begeisterten Militarisierung. Die Verbindung Geheimdienst-Polizei hat nichts mit Demokratie zu tun. Das ist aberwitzig. Ich schreibe deswegen auch Kommentare in Zeitungen, denn gegen diese Gleichschaltung können sich nur Künstler richtig wehren.

In den letzten Jahren war mehr über Drogen, Gerichtsprozesse, Gefängnis als über Ihre Musik zu lesen. Haben Sie dadurch Fans verloren?

Ich habe keine Fans, aber Publikum verloren. Für manche, die es vorher "schick" fanden, zu meinen Konzerten zu gehen, war es plötzlich nicht mehr schick. Aber Leuten, die sich mit mir und meiner Musik beschäftigt haben, war es scheißegal. Die sind intelligent genug, zu wissen, dass viele, die Platten machen, diese Probleme haben. Ich war nur derjenige, den sie erwischt haben.

Was hören wir als nächstes von Konstantin Wecker? Welche anderen Pläne, also für Bücher oder Filmauftritte, haben Sie?

Es gibt viele Angebote. Erst mal drehen wir für den ZDF-Dreiteiler "In der Mitte des Lebens" mit Heiner Lauterbach, Regie Bernd Fischerauer. Dazu schreibe ich auch die Musik. 2002 wollen wir mit "Vaterland" weiter touren. Einige Konzerte, in München, Hamburg, waren ausverkauft, da können wir Wiederholungskonzerte veranstalten. Open-Airs sind auch geplant.

Interview: Katja Grieser