Die Wut steckt immer noch in ihm

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

06.07.2001

Quelle

Nordwest-Zeitung

Höhen und Tiefen haben Konstantin Weckers Leben bestimmt. Nach Kokain, Haftstrafe und Konkurs erlebt der Liedermacher (54) ein Comeback. Derzeit steht er mit Hannes Wader auf der Bühne. Am 1. August sind Konstantin Wecker und sein Freund Hannes Wader in der Waldbühne Kloster Oesede bei Georgsmarienhütte zu Gast.

Frage: Sind politische Lieder noch gefragt?

Wecker: Die Säle sind meistens ausverkauft. Was mich sehr freut, ist, dass neben meiner Generation auch viele junge Leute kommen. Ich habe das Gefühl, dass Politisches wieder gefragt ist.

Frage: Ihren Song "Willy", in dem Sie 1977 den Tod eines Freundes nach einer Kneipenschlägerei mit Rechtsradikalen thematisierten, hatten Sie lange nicht im Programm. Ist "Willy" nicht aktueller denn je?

Wecker: Nachdem in den letzten Monaten die 68er als Feindbild wieder entdeckt worden sind, habe ich mich mit dem "Willy" noch einmal zusammengesetzt. Das Original spiele ich nur noch selten. Ich unterhalte mich mit "Willy" in einem neuen Lied. Wenn ich auf der Bühne Gespräche mit ihm führe, merke ich, dass ausgesprochen wird, was die Leute denken.

Frage: Wen stellen Sie sonst an den Pranger?

Wecker: Mir geht unheimlich auf den Sack, dass ernsthaft politisch denkende Leute bei uns nur als Krawalltouristen bezeichnet werden. Unsere Gesellschaft hat die Verbindung zur Welt verloren. Mit welcher Hemmungslosigkeit die Amerikaner behaupten, Energieverschwendung sei eben "American Way Of Life", ist unfassbar. Gier und Geldsucht halten uns davon ab, echte Werte zu erkennen.

Frage: Mit dem Prädikat "wertvoll" wurde Ihr Musical "Schwejk it easy" kürzlich nicht gerade bedacht . . .

Wecker: Berliner Rezensionen waren mit Sicherheit von der Finanzlage der Stadt beeinflusst. Kulturelle Subventionen will man sich da im Moment lieber sparen. Vielleicht hätte man die Inszenierung - zum Beispiel die Kostüme - anders gestalten müssen. Aber ich bin nur der Komponist und nicht der Autor des Stückes. Und die musikalische Seite halte ich durchaus für geglückt.

Frage: Ihrer Zusammenarbeit mit Hannes Wader folgte eine gemeinsame CD. Stellen Sie außerdem Neues vor?

Wecker: Auf der einen Seite ist das aktuelle Programm ein "Best of". Aber es sind auch ganz neue Songs von mir dabei, die dann auf einer CD zu finden sein werden, die im September herauskommt.

Frage: Die letzte CD mit eigenen Liedern liegt fünf Jahre zurück.Verarbeiten Sie in den neuen Liedern auch Ihre lange Drogenabhängigkeit, die damit verbundenen Prozesse und Ihre Lebenskrise?

Wecker: Nein, überhaupt nicht. Ich will meine persönliche Problembewältigung nicht einfließen lassen. Deswegen habe ich mit der CD gewartet. Dass sich allerdings meine Erfahrung in meinen Texten widerspiegelt, ist keine Frage.

Frage: Gehen Sie aus dieser Krise verwandelt hervor?

Wecker: Komplett. Ich musste mein Weltbild völlig neu ordnen, klares Denken wieder neu entdecken.

Frage: Diese Verwandlung geschieht zum richtigen Zeitpunkt. Ihre Söhne sind vier und zwei Jahre alt . . .

Wecker: Vor 15 Jahren hätte ich das noch gar nicht begriffen. Da hätte ich mich vielleicht durch meinen Sohn sogar im Ausleben meines Egos behindert gefühlt. Ich hätte mir bestimmt nicht die Muße genommen, von meinen Söhnen zu lernen. Kinder sind ja ein Wunder. Mit ihrer Hilfe entdecke ich die Langsamkeit, die Wiederholung.

Frage: Steht das im Widerspruch zu der Wut, die so viele Jahrzehnte Ihres Lebens bestimmt hat?

Wecker: Ich glaube nicht. Wenn Sie die neuen Lieder hören, werden Sie die Wut wieder finden. Natürlich hat man mit 54 Jahren eine andere Wut als ein 20-Jähriger. Mehr auf dem Boden der Tatsachen. Ich weiß, was es heißt, für mein Geld zu arbeiten. Auch Sorgen zu haben: Wie kommt man über den nächsten Monat? Das hat bestimmt dazu geführt, dass ich mich wieder mehr den konkreten politischen Themen widme.

Frage: Wohin zieht es Sie?

Wecker: Nach Italien. Dort kann ich wunderbar schreiben. Ich würde mich dahin gerne mit meinen Kindern für ein Jahr zurückziehen. Aber das kann ich mir im Moment nicht leisten. Ich muss auftreten, muss ackern.