Wader verweckert und Wecker verwadert

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.07.2001

Quelle

Die Rheinpfalz

Autor / Interwiever

Walter Falk

Sängerstreit am Kaminfeuer: Hannes Wader und Konstantin Wecker treten im Zelt an der Kammgarn gemeinsam auf

Das gibt es tatsächlich noch! Im Zeitalter von "Musikantenstadl" und "Superhitparade", MTV und VIVA reißen zwei Liedermacher das Publikum von den Stühlen und bringen es zum Toben. Stehende Ovationen von 950 Besuchern im brechend vollen Zelt an der Kammgarn, die sechs Zugaben herausklatschen und -trampeln.

Dabei hatte man allen Grund, skeptisch zu sein. Hannes Wader und Konstantin Wecker zusammen auf Tour? Geht denn das? Zwei Künstler, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können. Die höchstens der Stabreim verbindet. Der eine aus Ostwestfalen mit Wahlheimat im hohen Norden. Bedächtig und etwas melancholisch. Der andere aus Bayern, ein Energiebündel schlechthin. Der eine ein Asket mit hagerer Gestalt, ein Stoiker und Sensualist. Wecker hingegen ein Epikureer, ein Lustmensch, ein Genießer. Ein verschmitzter, schelmischer Lausbub. Wader knochentrocken, hintergründig, tiefsinnig.

Bei dem sich entspinnenden "Sängerwettstreit" scheint sich der Bayer zunächst als Sieger herauszuschälen. Zumindest an der Phonstärke des Beifalls gemessen. Zumal Wecker mit seinem Flügel verwachsen zu sein scheint, auf den 88 Tasten herumflirrt wie ein Wiesel. Wader hingegen hat nichts als die Gitarre und seine Stimme. Aber auf diesen sechs Saiten entwickelt er sein unverwechselbares Fingerpicking. Und seine Stimme, die eine Wärme ausstrahlt wie ein Kaminfeuer am Heiligabend, trifft den Zuhörer mitten in die Seele. Sie hat eine Weichheit, die jeden sofort anspricht. Nicht die Spur von Effekthascherei. Er wirkt durch seine Persönlichkeit, ruht ganz in sich selbst. Ein Anti-Star und trotzdem ein Leittier.

Wecker abgespeckt
Wecker hat musikalisch abgespeckt, hat den Kopf frei, hat sich wieder auf sich selbst besonnen, nach dem Brecht-Programm, das nicht so recht zu ihm passen wollte, sich wieder selbst entdeckt. Und das ist gut so. Er singt eine Spur hektischer als Wader, das Kämpfertum wird in ihm wieder wach. Von Resigniertheit keine Spur mehr.

Und damit reißt er seinen Gefährten auf der Bühne und das Publikum im Saal restlos mit. Da spürt man die Seelenverwandtschaft der beiden bedeutenden deutschen Singer/Songwriter. Und es erwies sich, dass in der Kunst eins plus eins mehr sein kann als bloß die Summe. Die beiden Künstler potenzieren einander. Das Konzert bekommt mit der Zeit kontrastierende, aber auch komplementierende Qualität. So werden Wader-Titel verweckert und Wecker-Hits verwadert. Beide singen sie gegen die Saturiertheit und Selbstgerechtigkeit der Politiker an. Subtiler der Norddeutsche in "Vaters Land" dem irischen Antikriegslied "The Green Fields of France" oder "Ankes Bioladen". Wader, ein sanfter Kämpe mit hauchzartem Vibrato, das total unter die Haut geht. Wecker hingegen ein Revoluzzer, der aufbegehrt, rundheraus und ohne Umschweife.

Mit erregtem Sprechgesang nimmt er "das perfekte System" auf die Speerspitze und den immer mehr sich ausbreitenden Materialismus: "Alles ist entwertet durch die Tatsache, das es kein Geld ist." Oder: "Immer wenn Moral im Spiel ist, steckt ein handfestes Interesse dahinter." In seinem neuesten Lied "Amerika, Amerika" greift er massiv Präsident Bush und die Wiederaufrüstung an und meint: "Da wird gebombt für Freiheit und Demokratie."

Dass er aber auch ein großer Romantiker ist, beweist er mit dem "Evergreen" "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist": Schwelgerisch träumt er da mit den Kindern seiner Muse, führt den Zuhörer mit dem Piano auf eine blumige Wiese und atmet selbstvergessen den Duft aller Blüten.

Was sie uns lehren, die beiden Impressionisten? "Lass uns den Fluss hinunter treiben, lass uns schrecklich unvernünftig sein!" Was für ein Gefühl. Tiefer als das Meer. Aber auch das geben sie uns mit auf den Heimweg: "Steh auf, sag nein! Sag nein!" Und: "Freunde, rücken wir zusammen, denn es zünden schon die Flammen, und die Dummheit macht sich wieder einmal breit!" heißt es in Pippo Pollinas Song "Was für eine Nacht...!", dem Motto des gemeinsamen Konzerts.

Wer gewonnen hat in dem Wettstreit? An diesem Abend gab es nur Sieger. Auf der ganzen Linie.