Der heilige Moment

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

22.08.2001

Quelle

Thüringer Allgemeine

Autor / Interwiever

Ute Rang

Im September erscheint Ihre neue CD. Mit 16 neuen Liedern. Warum betonen Sie das?

Weil es mich ungemein freut. Ich habe vier Jahre lang keine Gedichte geschrieben. Die Zeit war einfach nicht reif. Mir war alles zu flach. Ich musste so lange warten, damit wirklich neue Texte, die ich noch nicht kannte, zu mir kamen. Ich will mich von meinen Gedichten ja überraschen lassen.

Die neue CD heißt wie das Tourprogramm, mit dem Sie am 21. Oktober auch in Weimar sind, "Vaterland". Wollen Sie kämpfen?

Ja, schon. Zumindest will ich ein Zeichen setzen. Ich bin im Moment kämpferischer, politischer als in den letzten 15 Jahren. Mancher könnte vermuten, ich wollte die 68er wieder hervorholen. Das tue ich nicht. Aber ein bestimmter Geist, der damals lebte, ist auch heute gut zu gebrauchen.

Sie träumen gern?

Was diesen Geist betrifft, bin ich Realist. Es hat keinen Sinn, die Welt zu verändern. Das schaffen wir Menschen nicht. Der Zwang einer Ideologie endet immer in einem totalitären System. Aber wir können dennoch Ideen haben und daran arbeiten, uns zu verändern. Wenn ich politisches Engagement in Einklang mit mir selbst bringe, dann finde ich auch die Wurzeln für Hass, Zwietracht, Intoleranz.

Das nennen Sie realistisch?

Ja, weil ich denke, viele Leute wollen sich entdecken. Es fehlt ihnen einfach die Gelegenheit. Schauen Sie, alle Zeit wird ausgefüllt. Selbst wenn man durch einen Park spaziert, klingelt bereits nach fünf Minuten in der Nähe eine Handy. Die Stille, in der mit uns etwas passieren kann, wird nicht mehr zugelassen. Wie sind im Rationalen gefangen und gaukeln uns vor, dass alles so ist, wie wir es uns denken.

Sie erheben an dieser Stelle Einspruch?

Ja, denn es ist anders. Was tut denn das neoliberale Weltwirtschaftssystem? Es will Rendite und Gewinn um jeden Preis. Das kann für den größeren Teil der Menschheit nicht aufgehen. Wenn in der Dritten Welt Menschen verhungern und Medikamente fehlen, kann doch etwas nicht stimmen mit der Menschheit. Manchmal stelle ich mir vor, Tiere und Pflanzen haben eine Konferenz über die Zukunft, und es kommt die Frage: Was wird mit den Menschen? Alle Teilnehmer werden mit dem Daumen nach unten zeigen. Sie haben genug von unserem Hochmut, die Erde nach den Maßgaben des Marktes zu zerstören.

Sie singen, weil Sie ein Lied haben. Dagegen?

Ich habe natürlich kein Wundermittel. Ich möchte nur gegen diesen verdammten Hochmut angehen. Wir haben, eingebettet in die Mutter Erde, immerhin die Chance zu einer Ethik. Ich denke, es wäre schon sehr heilsam, wenn die Menschen statt heftig zu reden sich einen Moment an den Händen halten und miteinander schweigen. Oder ein Lied singen.

Sind Drogen für Sie noch ein Thema?

Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Leute sich an mich wenden. Jeder erfolgreiche Mensch, der seinen Weg geht, läuft Gefahr, dass er den Boden unter den Füßen verliert. Er lebt in einem arg begrenzten Raum.

Ich habe eine gigantische Erfahrung gemacht. Ich bin aus diesem Elend herausgekommen und habe eine klare Birne, einen gesunden Kopf behalten. Deshalb ist es mir schon ein Anliegen, da etwas zu tun.

Ist das Publikum trotz der Konflikte treu geblieben?

Ich habe seit 20 Jahren einen festen Fankreis, der erwartet, dass ich mich ändere. Das ist ein Glück. Diese Leute finden nicht alles von mir gut. Aber sie sagen, wenn der das macht, schauen wir es mal an.

Das wissen Sie genau?

Natürlich. Kürzlich habe ich auch über das Internet zu einem Abend in einen Burghof am Rhein geladen und gemeinsam mit einem Musiker ausschließlich improvisiert. Alle hatten einen wunderbaren Abend. Wir auf der Bühne sind mal wieder für zwei Stunden richtig abgehoben. Das ist der heilige Moment. Darum mache ich Musik, darum gebe ich Konzerte.

Ist eigentlich der alte Willy noch stark genug für das "Vaterland"?

Denke schon. Ich habe den Willy noch einmal angesprochen. Ich habe ihn nicht aus dem Grab gezerrt, aber ihn in seiner Ruhe gestört und ihm erzählt, was jetzt so los ist auf der Welt. Es ist eigentlich der dritte Willy. Ich brauchte ihn ja bereits für den Antonio Amadeo Kiowa.

Gespräch: Ute RANG