Schwejk und das Ende der Spaßkultur

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.10.2001

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Autor / Interwiever

Christian Mayer

Schwejk und das Ende der Spaßkultur
Ein nachdenklicher Konstantin Wecker wirbt für sein Musical "Take it easy!"

Manchmal hilft ein neuer Titel, wenn ein Stück mit mäßigem Erfolg vor sich hindümpelt. Zum Beispiel bei Konstantin Weckers Musical "Schwejk ist easy!" Im Mai hatte es Premiere im Theater des Westens in Berlin, am 19. Oktober kommt es ins Deutsche Theater: jetzt als "Take it easy!" Die Namensänderung findet der Komponist gar nicht komisch, bedeutet für ihn doch der 11.September das Ende der Spaß- und Lightkultur. "Es gab aber ein Problem", erklärt er. "Die jungen Leute kennen die Geschichte vom braven Soldaten nicht mehr - und den älteren ist die Inszenierung zu modern."
Nun soll das Musical doch noch ein Erfolg werden, der Name Wecker das Münchner Publikum in Scharen anlocken. Klar, dass der kurz vor der Premiere Werbung machen muss: für die "wunderbaren Sänger", Harald Hofbauer als Schwejk, besonders aber Sissy Staudinger als Wirtin Dienstbier - "ein echtes Prachtweib". Und für den Versuch, politische Themen in eine poppige Revue zu packen. Der Komponist verhehlt aber nicht, dass Regisseur Elmar Ottenthal zu viele Kompromisse gemacht habe, wo doch das "hinterfotzige" Buch von Jaroslav Ha9Aek viel mehr Anlass böte für Kritik an den heutigen Verhältnissen: am "Turbokapitalismus", der sozialen Ungleichheit, der Tendenz zum Überwachungsstaat. Im Musical kommt die Geschichte des Prager Hundehändlers, der als Dummkopf getarnt die Bürokraten, die auf Gehirnwäsche spezialisierten Krankenschwestern und die Fernseh-Tyrannen überlistet, fast ein wenig harmlos daher. "Aber die Musik ist wunderbar", sagt Wecker schelmisch und fasst die Botschaft von "Take it easy!" zusammen: "Wie behaupte ich mich in einer furchtbaren Welt, ohne unterzugehen?"
Diese Frage treibt ihn um in diesen Tagen des Terrors, weshalb die Präsentation zu einer politischen Pressekonferenz gerät. "Um mich herum war alles entpolitisiert in den letzten Jahren." Die Antwort auf die Anschläge dürfe nicht der Schrei nach Rache sein, sondern ein weltweiter Marshall-Plan, um Armut und Ungleichheit zu überwinden und den Terroristen den Nährboden zu entziehen. Klingt nicht gerade nach "Take it easy!" Wecker hat auch nicht vor, zur Tagesordnung überzugehen, wenn er am 13. Oktober seine Tournee beginnt und seine CD "Vaterland" vorstellt. "Dann kann ich schnell auf die Ereignisse reagieren, anders als beim Musical." Und was empfindet er für die Figur des braven Soldaten? Sympathie? Wesensverwandtschaft? Nein, ein Schwejk sei er nicht, sagt er: "Meine Art gegen das System anzugehen, ist lauter und derber."