Konstantin Wecker über die Ekstase und die Zeit

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.10.2001

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Tom Fuchs

Er ist brav geworden. Zumindest, was den Lebenswandel angeht. Doch nach fünfjähriger Abstinenz von verbotenen Substanzen will Konstantin Wecker im Showbiz mitmischen. "Vaterland" heißt das Programm, mit dem er derzeit auf Tour und am kommenden Dienstag in Leipzig ist ...

Frage: Fünf Jahre Musik-Abstinenz sind lang, was haben Sie gemacht?

Konstantin Wecker: Vor allem Lieder für Kinder. Eine ganz neue, spannende Welt, in die ich da eingetaucht bin. Ein tolles Gefühl, wenn plötzlich 1000 Kinder mitsingen, und man diese unglaubliche Begeisterung in den Augen sieht.

Und weshalb die lange Pause bei den eigenen Liedern?

Bei Lyrik muss man warten, bis der Text da ist. Nach der Krise vor fünf Jahren wusste ich ja nicht, ob mir überhaupt noch etwas einfällt. Eine schmerzhafte Erfahrung. Man kriegt Angst, fragt sich, ob die Kreativität mit der ausschweifenden Lebensweise verbunden war ... So bin ich ziemlich froh, dass es wieder geklappt hat.

Sie haben mal gesagt "Mein Weg zum Sinn war die Ekstase". Wie gestaltet sich jetzt, da Sie den Drogen abgeschworen haben, der Weg?

Sie müssen mich auf der Bühne erleben. Da werden Sie sehen, dass ich die Ekstase weiterhin habe (lacht). Ich glaube, übers Denken allein kommen wir nicht zum Sinn. Ich sage damit nichts gegen die Vernunft. Aber wenn wir nicht mal zuhören können und das Denken schweigen lassen, dann werden wir nie die richtigen Antworten bekommen.

Hinter dem Albumtitel "Vaterland" könnte man eine Art Bericht zur Lage der Nation vermuten.

Ist es nicht. Aber ich wollte klarmachen, dass es mir ums Einmischen geht. Ich habe ja nun wirk-lich Zeit gehabt, mich mit klarem Kopf wieder der Realität zu widmen. Die beschäftigt mich nun so sehr, dass ich das Gefühl habe, auch wir Sänger sollten den Mund aufmachen.

Was hat sich in diesem Sinne für Sie im Laufe der Jahre verändert?

Die Sicht eines 50-Jährigen ist grundsätzlich anders als die eines 20-Jährigen. Wenn ich noch bei "Genug ist nicht genug" voller Begeisterung geschrieben habe, "mein Ego ist mir heilig", dann sehe ich das heute doch anders. Ich suche, vom Kreisen ums eigene Ich wegzukommen.

Verändern sich auch die Lieder?

Ja. Und ich bin stolz darauf, noch nie eins nur annähernd so gespielt zu haben wie zuvor. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" habe ich seit 30 Jahren im Programm, das verändert sich manchmal so, dass das Publikum fast sauer wird. Aber mir würde es zu langweilig ohne Improvisation.

Kommt es vor, dass Sie ein bestimmtes Lied nicht singen können, weil Sie die Gefühle überwältigen?

Ja. Lange Zeit ging´s mir mit dem "Willy" so. Das Publikum wollte den dauernd hören ...

Kann es sein, dass die große Zeit der Liedermacher vorüber ist?

Nun, es existiert heute eine ganz andere Unterhaltungsindustrie. Die Funklandschaft gibt bestimmten Liedern keine Chance mehr. Das ist natürlich schade, weil dadurch die Leute gar nicht mehr erfahren, dass es auch so eine Art von Musik gibt.

Ist Ihr Publikum mit Ihnen älter geworden? Oder glauben Sie, auch Jüngere erreichen zu können?

Ich habe immer noch ein vergleichsweise großes Publikum. Und seit ein, zwei Jahren das Gefühl, dass die Jugend wieder etwas anders denkt als man es ihr die vergangenen zehn Jahre nachgesagt hat.Ich meine das Klischee von den Spaßgenerationen. Mir scheint, da ist auch der Spaß da, sich Gedanken zu machen. Dennoch sieht die junge politische Bewegung heute, wenn es sie denn geben sollte, völlig anders aus als ´68. Nicht so verkopft.

Hat ein über 50-Jähriger wie Wecker eine reale Chance, Jüngeren seine Botschaften nahe zu bringen?

Ich denke, man muss sich nicht anbiedern. Und es gibt durchaus Jugendliche, denen gefällt, was ich mache, und das ist sehr schön zu sehen.