Wenn die Lieder klüger sind als der Künstler

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.10.2001

Quelle

Die Welt

An Konstantin Wecker haben sich viele Menschen schon immer gerieben. Die einen, weil er nie aufhörte, sich politisch einzumischen, die anderen, weil sie nicht verstanden, dass "ein solcher Urkerl immer so traurige Lieder singt" (Originalzitat einer TV-Moderatorin). Kokainkonsum und Gefängnisaufenthalt taten ein Übriges, um Vorurteile zu verstärken - doch der überzeugte Münchner überstand auch diese Situation und ist heute wieder populär wie eh und je. Mehr noch: Mit seiner neuen CD "Vaterland" zeigt er sich wieder provokativ und angriffslustig wie vor zwanzig Jahren. "Meine Lieder waren schon immer klüger als ich", sagt Wecker heute - und man glaubt ihm, dass dieser Satz nicht einfach dahingesagt ist.
Immerhin ist "Vaterland" die erste "richtige" Wecker-Veröffentlichung seit fünf Jahren; untätig war er in dieser Zeit allerdings nicht. So veröffentlichte er CD´s mit Brecht-Texten und Kinderliedern, schrieb ein Musical und Filmmusiken oder ging mit Hannes Wader auf gemeinsame Tournee - doch neues Material für seine Stammhörer lieferte er nicht. "Ich kann mich nicht hinsetzen und auf Kommando neue Gedichte und Lieder schreiben", so seine Begründung, "ich muss warten, bis sie sich im Zustand der Meditation und des Nicht-Denkens bei mir melden." Die stärksten Momente des neuen Tonträgers scheinen genau dieser Stimmung zu entstammen: etwa, wenn Wecker in der Ballade "Alles das und mehr" wieder einmal auf für ihn typische Weise die Tiefen der menschlichen Seelen auslotet - und die Schwermut als Schwester des Glücks bezeichnet. Aber auch der Tod und das Älterwerden sind große Themen der neuen CD, ebenso wie die obligatorischen Attacken auf die Oberflächlichkeit. Wecker ist sich auf jeden Fall treu geblieben - was man auch daran merkt, dass er auf seiner Homepage im Internet die für ihn misslichen Lebensabschnitte keinesfalls - wie es andere Künstler reihenweise tun - ausspart. Und was ihm auch anzumerken ist: Die Liebe zur wesentlichen jüngeren Anika Berlin, mit der er mittlerweile zwei Söhne hat, scheint ihm die Kraft gegeben zu haben, die ihm zwischendurch fehlte. "Für die Musik würde ich jede Frau verlassen", sagte Wecker vor zehn Jahren - heute ist es anders. Die Frau bleibt, und mit ihr kommen wieder die entscheidenden Texte. schü