Meine Lieder waren oft klüger als ich

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.06.2001

Quelle

Süddeutsche Zeitung

Garching Ein Zauber liegt über dem Garchinger Bürgerhaus. Konstantin Wecker - eingetaucht in spärisches Licht - schlägt sanft den letzten Ton des Abends an. Für den Bruchteil einer Sekunde herrscht atemlose Stille. Dann bricht die Begeisterung aus den Zuschauern heraus. Bravorufe, und teils stehende Ovationen für den Mann am Klavier und seine Musikerfreunde.
Immer noch gelingt es Wecker ein Publikum zwei Stunden lang zu fesseln. Und das, obwohl er es - genau genommen - hereingelegt hat. Eigentlich ist sein Programm aufgebaut auf Liebesliedern, doch im Grunde ist es ein politisches Bühnenprogramm. Und was für eins: Die Themen reichen von einem Kampflied wider die "Börsianer", über Verurteilung der 68er Schelte durch die CDU, bis hin zum hymnischen Aufruf gegen rechte Gewalt - Weckers Wut ist jung. Kraftvoll und mit ihm eigenen Pathos schmeichelt er Melodien und Verse in die Köpfe der Zuschauer. Stets ironisch, dabei immer poetisch, verpackt er seine Botschaften in raffinierte Arrangements und kühne Metaphern 96 ohne dabei an Selbstkritik zu sparen: "Meine Lieder waren oft klüger als ich", gibt er unumwunden zu.

Stimmige Chemie

Unterstützt wird Wecker von den jungen Musikern Jens Fischer (Gitarre/Percussion) und Jo Barnikel (Keyboards). Kongenial bestreiten sie den Abend bescheiden aber wirkungsvoll, als melodiöse Stütze des Meisters. Doch manchmal schlägt die Chemie auf der Bühne Funken. Dann wird gelacht, gejamt, gerappt(!), improvisiert und chansoniert: Bluesig, funky, sphärisch. Von kraftvoll treibend bis sanftmütig schwebend breitet sich der Klangteppich über das Bürgerhaus. Konstantin Wecker hat Lust am Spielen. Da improvisiert er sich über Clydermann, über sein eigenes Lied, schon mal eben zur 84Elise93 und grinst. Zitiert mit Inbrunst Rilke, Adorno, Kästner und stellt sich augenzwinkernd auf eine Stufe mit Goethe. Untermalt wird dieses Erlebnis von einer stimmigen, aber zurückhaltenden Licht-Choreografie. Wenn die Musiker in leuchtendes Blau getaucht, wabernde Klänge aus den Tiefen ihrer Instrumente hervorzaubern, kann man die Gänsehaut heraufziehen spüren. Auf einmal tritt Wecker an den Bühnenrand. Baut ein kleines Spielzeug-Keyboard auf. Per Knopfdruck legt sich ein scheppernder Rhythmus über ein Lied, das Wecker einst zusammen mit Dieter Hildebrand gesungen hat: "Ihnen fehlt der Experte - für die genügende Härte". Wecker singt es schnippisch, trotzig. Und auf einmal tanzt der inzwischen 53-Jährige wie ein Teenager über die Bühne. Swingt und groovt, das man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Herrlich, wie er süffisant das "große Amerika" besingt. Ergreifend, wie er sich ein allerletztes Mal im Diskurs mit seinem "Willy" übt. Nach etlichen Zugaben tut das Saallicht seinen Dienst.