Als würde man jemals Terror mit Terror besiegen können

20.12.2016

Liebe Freunde,

mein tiefes Mitgefühl gilt allen Freunden und Angehörigen der Opfer der Berliner Schreckenstat.
Mein Sohn war beim Münchener Anschlag eines 18-jährigen Nazis in der Nähe eines weiteren Anschlagzieles – das sich dann als falsche Warnung herausstellte – und musste sich in einem Supermarkt verstecken. Er schrieb mir damals „live“ eine SMS. Ich kann die schrecklichen Ängste der Berliner Eltern deshalb umso mehr nachempfinden.

Pegida-Chef Lutz Bachmann versuchte umgehend, aus den Ereignissen politisches Kapital zu schlagen. „JEDER, absolut JEDER Welcome-Klatscher, Teddybären-Werfer und JEDER, der die Politik der offenen Grenzen begrüßt hat Blut an den Händen!“, hetzte er via Facebook.

Ja, Herr Bachmann, wir alle haben als Mitglieder eines gewalttätigen Kollektivs Blut an den Händen. Das Blut von Millionen syrischer und afghanischer, afrikanischer und irakischer Mitmenschen, die von unserer Politik zerfetzt wurden. Das Blut von Tausenden ertrunkenen, auf der Flucht verwundeten, missbrauchten Frauen und Männern, die vor unseren Bomben geflohen sind. 
Wir Teddybären-Werfer versuchen durch Mitgefühl und Menschlichkeit ein Gegengewicht zu einer zunehmend auf Härte und Konfrontation ausgerichteten Zeitstimmung zu bilden. Wir können damit nicht alles wieder gut machen, was Kriegstreiber in unserem Namen und teilweise mit unserer Duldung in den Heimatländern dieser Flüchtlinge angerichtet haben, aber wir versuchen wenigstens ein kleines Zeichen zu setzen - und wenn wir nur für einen Augenblick das Gesicht eines Kindes aufhellen können, das Schlimmes durchgemacht hat. 
Das tragische Geschehen in Berlin populistisch und politisch zu missbrauchen ist einfach nur schäbig, und es zeugt von einer geistigen Nähe genau zu denen, die man ja vorgibt bekämpfen zu wollen. 
Zu Recht sagt Heribert Prantl in der SZ:
„Seehofer missbraucht das Attentat von Berlin, um gegen Merkels Flüchtlingspolitik Stimmung zu machen. Das ist böse und perfide.“

Als würde man jemals Terror mit Terror besiegen können. 
Wir hingegen müssen lernen, den Hass zu besiegen. Zu hassen heißt - wie die Sufis sagen - als trinke man jeden Tag Gift, in der Hoffnung, damit den anderen zu zerstören.

In dieser entsetzlich kriegerischen Welt kann nur eines zum Frieden führen: ebendieses kriegerische Denken in sich zu beenden.

Gregor Gysi schreibt zu Recht: „Endlich müssen wir begreifen, dass wir die weltweit existierenden Krisen so schnell wie möglich überwinden müssen, wenn wir solche Anschläge in Zukunft ausschließen wollen.“

Nationalismus ist eine Seuche und nicht die Lösung des Problems.

Man kann sich noch so sehr abschotten wollen vor dem bösen Fremden – damit wird das eigene Böse doch nicht verbannt.

Wir dürfen nicht mehr zusehen, wie die reichen Länder aus Gier nach Bodenschätzen und Öl und um sich an Waffengeschäften zu bereichern, die ärmeren Länder mit staatlichem Terror vernichten.

Was in Berlin geschah, ist schrecklich, an anderen Orten der Welt ist der Schrecken, der uns jetzt verstört, weil er immer noch relativ selten ist, jedoch Alltag.

Lasst mich diesen kurzen Text mit den Worten der tapferen Bertha von Suttner beenden:
“Zu den Gefühlen, die uns der Krieg einflößt, gehört leidenschaftlicher Mitschmerz, denn die Gräuel, die himmelschreienden Leiden, die er verursacht, gehen schon über die Grenzen des Erträglichen hinaus. (…) Dem Elend muss man ins Gesicht sehen, aber nicht um es als Unglück zu beklagen, sondern als Schlechtigkeit anzuklagen! Denn es ist keine Elementarkatastrophe, es ist das Ergebnis menschlichen Irrwahns und menschlicher Fühllosigkeit…“

(aus: Bertha von Suttner: Empörung des Verstands und unserer Herzen, 1914)

 

zurück