«Anarchie muss eine liebevolle Gesellschaft sein»

24.08.2017

Liebe Freunde!

Wenn man meine politische Sozialisation betrachtet, so habe ich mit zwölf, dreizehn Jahren als Anarchist angefangen, um den Grad meiner Unangepasstheit danach schrittweise zu steigern. Ich hatte die Anarchie ganz instinktiv als mir zugehörig ergriffen, ohne damals überhaupt genau zu wissen, worum es dabei ging. Als ich anfing, politisch zu denken, gab es die Studentenbewegung noch nicht, auch die politischen Demonstrationen in den Schulen begannen erst Jahre später. Wichtig waren im Nachhinein betrachtet nicht so sehr die Inhalte meiner anarchistischen Überzeugungen (die waren damals noch sehr unausgereift) als meine Entschlossenheit, die Außenseiterrolle zu ergreifen. Mit meinen politischen Ansichten eckte ich nämlich nicht nur bei den Lehrern, sondern auch bei vielen Mitschülern an. Später, als ich schon über zwanzig war, befasste ich mich dann auch mit marxistischer Theorie, ging auch auf ein paar Demos, jedoch nie besonders eifrig und schon gar nicht in dem Ausmaß wie es ideologisch geschulte Studenten damals taten.

Anarchie – es gibt kaum einen politischen Begriff, der mehr missverstanden wird. Schon in jungen Jahren habe ich mich dagegen gewehrt, dass Anarchie mit Terror und Gewalt gleichgesetzt wird. Das ist nicht ihr Wesen, Anarchie ist vielmehr der Versuch, ein herrschaftsfreies Leben zu gestalten. Und dazu gehört eigentlich sehr viel Formwille, denn das Zusammenleben ohne Machtstrukturen will ja gestaltet werden. Was noch unbedingt dazugehört, ist Liebe – etwas, das man der Anarchie gerne abspricht, weil sie ja als Weltanschauung der Chaoten und Bombenbastler gilt. Anarchie muss eine liebevolle Gesellschaft sein, sonst funktioniert sie nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich mit der anarchistischen Ideologie kaum auseinandergesetzt habe. Das macht auch Sinn, denn ich glaube, dass „anarchistische Ideologie“ ein Widerspruch in sich ist. Deshalb gibt es auch keine umfassende, geordnete Theorie dazu – vergleichbar mit dem „Kapital“ von Karl Marx. Anarchie muss lebendig bleiben und in der Praxis immer wieder neue entdeckt und erschaffen werden.

Wieder gilt: Wir sollten nicht dem Propagandagerede aufsitzen, wonach es eine „natürliche“ menschliche Konstante sei, dass es Herrscher und Beherrschte gibt. Was die Menschheit 6000 Jahre lang falsch gemacht hat, kann jetzt endlich in einen Prozess der Veränderung eintreten. Schließlich ist die Geschichte von Herrschaft und Hierarchien auch eng mit dem Patriarchat verflochten, und das zeigt spätestens ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auflösungserscheinungen. Wir müssen vielleicht ziemlich weit in die Geschichte zurückgehen, um zu einem völlig anderen Entwurf von Gesellschaft vorzudringen, von dem wir uns Ideen holen könnten. Das Matriarchat zum Beispiel war keineswegs nur ein umgekehrtes Patriarchat, eine „Herrschaft der Frauen“. Es muss eine Ordnung gewesen sein, die sich stärker an Organisationsformen der Kooperation und eines liebevollen Miteinanders orientiert hat.

Die Tatsache, dass wir jetzt eine Bundeskanzlerin haben, ändert nichts daran, dass sie als Frau im Rahmen eines autoritären, patriarchalischen Systems agiert. Wirkliche Anarchie wäre formlose Ordnung. Elisée Reclus nannte sie die „höchste Form der Ordnung“. Eine anarchistische Partei zu gründen, wäre sinnlos und widersprüchlich. Um die Gesellschaft lebendig zu halten, braucht es eine in Bewegung bleibende Empörung. Henry Miller hat den schönen Satz gesagt: „Als Künstler hat man quasi die Verpflichtung, Anarchist zu sein. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.“ In diesem Sinn war meine Begeisterung für den Anarchismus auch eher instinkthaft und emotional, weniger durchdacht.

Die 68er-Bewegung war anfangs noch sehr anarchistisch und mit viel Lust und Spaß verbunden. Jeder wollte sich so frei wie möglich entwickeln. Später kamen dann die ersten Kadergruppen, und es war sowohl mit der Freiheit des Denkens als auch mit dem Spaß vorbei. Meine Feinde waren zwischen 1970 und 1980 weniger die Konservativen als die KPD/ML, die Marxisten-Leninisten, die Trotzkisten und andere -isten. Die haben mich auf der Bühne ausgebuht und mir das Leben schwer gemacht. Ich habe damals gelernt, dass die Ideologisierung wie auch jede Form von Fundamentalismus die Todfeinde der Kunst sind. Sie ersticken jede Poesie, jede freie künstlerische Entwicklung. Und obwohl ich mich grundsätzlich eher zu linken Positionen hingezogen fühle, bilden die, wenn sie zu dogmatisch daherkommen, keine Ausnahme.

Ich möchte eine Lanze brechen für die vielen vermeintlich kleinen Projekte, in denen Menschen das, was sie als ein besseres, authentischeres Leben erkannt haben, schon jetzt zu realisieren versuchen. Mein Freund Prinz Chaos II. hat ja in Thüringen ein Schloss gekauft und zur WG umgebaut. Durch Liedermacherfestivals, Treffen mit Asylbewerbern und andere Aktionen wurde daraus in wenigen Jahren ein Zentrum für alternative Kultur und für ein menschlicheres Miteinander. Derartige Projekte gibt es viele, nur selten finden sie sich in den Schlagzeilen der großen Magazine. Etwas Ähnliches wurde ja auch schon in den 70ern versucht, zum Beispiel in diversen Hippie-Kommunen. Gern wird von Gegnern hämisch darauf verwiesen, dass diese Projekte „gescheitert“ seien. Für mich sind sie nicht gescheitert. Es waren Versuche, die zeitlich begrenzt funktioniert haben, und es wird neue Versuche geben.

Eine der wenigen Möglichkeiten, politisch etwas zu gestalten, sind solche kleinen „Zellen“, die in ihrer Wirkung abstrahlen auf die Welt um sie herum. Jeder kann schon jetzt damit beginnen, zum Beispiel ein Wohnprojekt für Senioren zu gründen oder ein Modell der regionalen Selbstversorgung mit Energie und Lebensmitteln. Das Gute ist, dass man, um anzufangen, nicht auf die große „Weltrevolution“ zu warten braucht. Mehrere solcher „Zellen“ bilden zusammen schon ein Netzwerk, das die neue Wirklichkeit, die wir uns wünschen, in Aktion zeigt. Immer mehr Menschen werden das zur Kenntnis nehmen und beginnen, die alte Welt in Frage zu stellen. Es kann eine Dynamik in Gang kommen, die an einem bestimmten Punkt einen Bewusstseinssprung bewirkt.

Diese Möglichkeit, sich an konkreten, fortschrittlichen Projekten zu beteiligen, ist auch eine Antwort auf die Frage: „Was kann ich als Einzelner tun?“ Ein weiterer großer Vorteil dieses Modells der „sich vernetzenden Zellen des Neuen“ ist, dass sie keine Führer benötigen, höchstens Menschen, die als Inspirationsquelle dienen und praktische Verantwortung in Teilbereichen übernehmen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Führer und Heilsbringer nichts taugen – auch nicht die der „linken“ Denkrichtung. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn aus den von mir skizzierten Impulsen eine neue Schreckensherrschaft der Guten hervorginge. Kein Einzelner kann so klug sein, dass er die Lösung für alle Weltprobleme aus dem Ärmel zaubern kann. Nur vernetztes Bewusstsein ist in der Lage, das Neue, das wir momentan vielleicht noch nicht einmal erdenken können, konkret werden zu lassen. Denn alles, was wir ausschließlich rational konzipieren können, ist nicht wirklich neu. Das tatsächlich Revolutionäre lässt sich nur erahnen und erfühlen. Dichtung und Musik sind hierfür wahrscheinlich geeignetere Medien als von Rechtgläubigen verfasste politische Manifeste.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus Konstantin Weckers Buch „Mönch und Krieger“, erschienen im Gütersloher Verlag

 

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