Darf ich mir Luft machen?

01.04.2018

Liebe Freunde,
in den letzten Konzerten habe ich einen Text gelesen, den ich vor ein paar Monaten geschrieben hatte und nun wurde ich gebeten, ihn euch zum Nachlesen zugänglich zu machen. Er ist ein Ausschnitt eines Büchleins, das ich im Herbst unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand“ veröffentlichen möchte.

Darf ich mir Luft machen? 
Ich muss, 
denn bald ersticke ich 
an all diesen subtilen Taktiken und Strategien, 
die einzig ersonnen wurden
um den Mächtigen mehr Macht zu verleihen 
und die Ohnmächtigen ihrer Stimme zu berauben.
Ich bin ein Träumer, Utopist, Fantast. 
Ich bin naiv und habe mich nie geschämt dafür.
Und ich glaube, 
damit stehe ich nicht allein in dieser korrupten Welt.
Und ich gebe hier Laut, 
nicht weil ich mich für unfehlbar halte, 
sondern weil auch die Verlierer, 
die seitlich Umgeknickten, 
die nicht immer obenauf Schwimmenden 
ein Recht haben auf ihre Sicht der Welt.
Was soll denn diese kriecherische Anbetung 
von Markt und Nutzen, 
Gewinn und Rendite, 
Erfolg und gutem Aussehen bewirken? 
Glückliche Menschen generieren? 
Auf dem Buckel der Zurückgelassenen, 
ins Abseits gestellten, 
Ausgebeuteten, 
Loser?
Glücklich? 
Dass ich nicht lache. 
Glück hat nichts zu tun 
mit einem Job in der Wall Street, 
mit einem Posten 
als Vorstand eines erbarmungslosen Konzerns, 
Glücklich kann der Mensch nur sein, 
wenn um ihn herum auch eine glückliche Menschheit 
ihr Leben leben kann.
Wenn er die Unkenntnis 
seines eigenen wahren Wesens überwindet 
und den Irrglauben, 
er sei ein von den Anderen getrenntes Ich.
Was ich mir erträume 
ist mehr als eine Revolution 
sondern die totale Umwälzung der Werte 
unserer wertlosen Gesellschaft. 
Menschen die miteinander suchen, 
hoffen, 
sündigen, 
verzeihen, 
Menschen die sich anlächeln 
statt sich im Wettbewerb 
um den besseren Job fast umzubringen, 
Menschen, 
die tanzen, 
wie junge Hunde das tun, 
wenn sie endlich auf die Wiese gelassen werden.
Habt ihr das schon einmal gesehen? 
Ja, sie tanzen und springen um die eigene Achse, 
immer und immer wieder 
aus lauter Freude am Sein. 
Am einfach nur da sein. 
Am Leben ohne Leine.
Kinder, 
die sich umarmen, ohne zu fragen, wer mehr Geld hat, 
wer welche Hautfarbe hat, 
wer schöner ist oder klüger.
Ja, Freunde, 
ich will eine tanzende Menschheit, 
Brüder und Schwestern, 
die sich nicht beneiden, 
sondern am Glück des anderen erfreuen.
Naiv? 
Na und! 
Was soll das für eine Welt sein, 
in der man nicht mal naiv träumen darf
ohne verspottet zu werden?
Wir müssen aussteigen 
aus diesem tödlichen Gewirr von Sachzwängen 
und scheinbar schlüssigen Argumenten.
Tanzen heißt, 
sich auch vom strengen Korsett 
des vorgegebenen Liedes befreien zu können. 
Hüpfen, Springen 
und immer und sofort in den Himmel hinein.
Das ist die Poesie, die ich meine. 
Die Poesie der Freude, 
die uns diejenigen immer wieder ausreden wollen, 
die glauben, es ginge ihnen besser, 
wenn sie andere unterdrückten.
Ich will keinen Herrn über mir, 
ich will keinem Götzen dienen, 
der mich zur Eissäule verdammt
nur weil er meine Lebendigkeit fürchtet.
Ich will in keiner Gesellschaft leben, 
in der all jene am miesesten entlohnt werden 
die die wirklich wichtige Arbeit verrichten: 
Krankenpflegerinnen, 
Altenpflegerinnen, 
Hospizarbeiterinnen 
und so viele mehr.
Und wo die unwichtigsten, 
ja meist schädlichsten Berufe
am besten bezahlt werden. 
Ich will in einer Welt leben, 
in der man das alles aussprechen darf 
ohne als Spinner geschmäht zu werden 
oder als Terrorist auf die schwarze Liste gesetzt zu werden.
Ich will in einer Welt leben, 
in der solche völlig normalen und menschlichen Ansichten nicht als unvernünftig niedergeredet werden.
Nur weil sie dem Abgott Markt nicht dienen.
Sich nicht vor den Tempeln des Konsums
zu Boden werfen.
Keine Schmiergelder einstecken.
Ich will lieber wahnsinnig werden
als mich diesem sinnlosen Wahn zu beugen.

 

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