Lasst uns unsere eigenen Melodien singen

09.11.2015

Liebe Freunde,
so wichtig es ist, zu beobachten was Pegida macht, die AfD, Neonazis und sonstige wildgewordene Kleingeister und Kleinbürger, so wichtig wäre es aber auch, den Fokus auf die zu richten, die großherzig und lebendig, hilfsbereit und geistreich sind.

Sie nämlich sind in der Überzahl.

Zusammen mit vielen großartigen Helfern aus der ganzen Welt, waren meine Frau Annik und mein 16-jähriger Sohn Tamino wieder auf Lesbos, um dort Flüchtlinge mit trockener Kleidung, Essen und Trinken, vor allem aber auch mit offenem Herzen und einem lächelnden Gesicht willkommen zu heißen.
Tausende Flüchtlinge täglich, darunter viele kleine Kinder, das kleinste gerade mal zwei Wochen alt, Menschen, die auf Grund einer unfassbar engstirnigen und mörderischen Politik für eine lebensgefährliche Passage mit dem Schlauchboot an skrupellose Gangster 1000 Euro zahlen müssen. Für die gleiche Passage zahlen Touristen auf sicheren Fähren gerade einmal 20 Euro.

Diese hilfsbereiten Menschen gibt es in ganz Europa und in großer Zahl. Weit über hunderttausend HelferInnen allein in Deutschland, die meist unerwähnt bleiben.

Hingegen kennt jeder hierzulande seelisch gestörte und hirnrissige Provokateure wie Bachmann, Höcke, Festerling, Pirinçci und wie sie auch alle heißen mögen. 
Keine Frage, man muss auch darüber berichten. Wir sehen Bilder ausrastender Rassisten, prügelnder Nazis - nur wo bitte sind die Bilder, die uns Mut machen würden?

Liebe RedakteurInnen, liebe JournalistInnen, warum schickt ihr eure Reporter nicht dorthin, wo wirklich etwas getan, nicht nur gehetzt und geprügelt wird? Wo etwas getan wird, was den noch Verängstigten und Zweifelnden vielleicht das Herz öffnen könnte, anstatt ihr Hirn zu verschließen?
Als wir im kleinen privaten Freundeskreis sammelten für die Flüchtlinge und Helfer auf Lesbos, kamen unfassbare 9000 Euro zusammen! Ohne Spendenquittung, nicht steuerlich absetzbar, ohne einen eingetragenen Verein, einzig auf das Versprechen hin, das Geld dort hinzubringen, wo es wirklich nötig ist. So viel stille Hilfsbereitschaft hätte selbst ich nicht erwartet. Sicher, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es gibt viel mehr dieser Tropfen, als man es uns glauben lassen will. Diese Tropfen könnten ein Regen werden und deshalb bitte ich die Medienvertreter um Bilder der Zuversicht, denn es gibt sie zur Genüge!
Bilder des Miteinanders, des gemeinsamen Lachens, Bilder glücklicher Kinder, die aus dem Grauen des Krieges nicht in die Fänge Baseballschläger schwingender Feiglinge fliehen mussten, sondern in die Arme gastfreundlicher, offener und herzlicher Menschen kommen konnten. Wir brauchen Bilder, welche die Pegidisten und Rassisten aller Art beschämen, anstatt hauptsächlich solche zu verbreiten, die potentielle HelferInnen nur entmutigen. (Und die außerdem nicht mal die Meinung der Mehrheit der Bürger widerspiegeln.) Ich bitte Euch darum, denn wir müssen alle begreifen, dass es um viel mehr geht als um Einschaltquoten: dass ein „orbanisiertes“, neofaschistisches Europa mit Stacheldraht und Zäunen, ein dunkles, lebloses, jede Kultur erstickendes und für viele Menschen unbewohnbares Europa wäre und dass wir alle zusammen alles tun müssen, um genau das zu verhindern.
Und all jenen, die ohne öffentliche Aufmerksamkeit ihrem Herzen folgen und sich auf den manchmal belächelten Weg der Hilfsbereitschaft begeben, sei ein Zitat eines der führenden Gegner des Vietnamkrieges ans Herz gelegt - ein Brief von Thomas Merton, Mönch eines Trappistenklosters, an einen jüngeren pazifistischen Mitstreiter:
„Mache dich nicht selbst abhängig von der Hoffnung auf Erfolge. Du musst damit rechnen, dass all dein Bemühen womöglich fruchtlos bleibt oder sich ins Gegenteil auswirkt. Wenn du dich daran gewöhnst wirst du dich allmählich immer mehr auf den Wert, auf das Richtigsein, auf die Wahrheit deiner jeweiligen Arbeit konzentrieren und immer weniger auf ihre Ergebnisse.“ Widerstand heißt eben auch in seinem eigenen Innern den sogenannten Werten einer konsumistischen, dem materiellen Gewinn hilflos ergebenen, den wirtschaftlichen Erfolg wie einen Götzen anbetenden Gesellschaft zu widerstehen.
„Erfolg ist kein Name Gottes“, sagt Martin Buber und wem das zu religiös klingt, dem sei noch einmal Dorothee Sölle ans Herz gelegt, „denn das letzte Kriterium der Beteiligung an widerständigem, solidarischen Verhalten kann nicht der Erfolg sein, das hieße immer noch nach der Melodie der Herren dieser Welt tanzen“. 
Lasst uns unsere eigenen Melodien singen und pfeifen wir auf die Herren dieser Welt.

P.S.:
Öfter mal wird mir, durchaus wohlmeinend, geraten, mich kürzer zu fassen, um damit auf Facebook mehr Verbreitung zu erreichen. Aber sollten wir derzeit nicht lieber mit längeren Sätzen den Parolen Paroli bieten?

(Weitere Berichte über die Flüchtlingshilfe auf Lesbos findet ihrer auf Anniks Facebook Seite)

 

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