Es klirrt gewaltig

16.11.2015

In einem Artikel seiner »Lutetia«-Sammlung, 1842 in Paris verfasst, schrieb Heinrich Heine: »Es ist still wie in einer verschneiten Winterlandschaft. Nur ein leiser monotoner Tropfenfall. Das sind die Zinsen, die fortwährend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen; man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal auch klirrt etwas, wie ein Messer, das gewetzt wird.«
Heute, über 150 Jahre später, ist dieser Tropfenfall nicht mehr leise sondern ein quälendes Fortissimo. Und dazwischen der laute Aufschrei der Armen. Und es klirrt gewaltig, das Messer, das gewetzt wird.

Reflexartiges Waffengeklirr ist aber die falsche Antwort, denn das genau wollen sie: Die Angriffe in Paris können kalkuliert worden sein, um genau das zu erreichen. Außerdem: „wenn diese Terroranschläge die Franzosen und andere Westmächte in die weitere militärische Aktion gegen sie antreiben, würde das vollkommen ins Image der „Westkreuzfahrer“ passen, die Krieg gegen die „Kräfte des Islams“ führen“. (Mark Juergensmeyer, University of California) 
Und das würde dem IS wieder neue Rekruten zuführen. 
Zu Recht schreibt Markus Feldenkirchen im SPIEGEL:
„Es ist schon paradox, dass ausgerechnet die ängstlichen Islamfeinde in Deutschland den islamistischen Terroristen derart in die Falle tappen - und exakt so reagieren, wie die ruchlosen Menschenfeinde es beabsichtigen. Es gehört zu den Zielen des IS, dass sich Muslime in Europa ausgegrenzt und stigmatisiert fühlen, weil es so wahrscheinlicher wird, sie eines Tages zu rekrutieren. Wollen wir den Dschihadisten ein Schnippchen schlagen, müssen wir die Willkommenskultur gerade jetzt beibehalten und so viel in die Integration dieser Flüchtlinge investieren, damit diese für die Radikalen unerreichbar bleiben.“

Es gibt nur einen Weg, diesem Terror ein Ende zu bereiten, und das führt uns wieder zu Heinrich Heine zurück: soziale Gerechtigkeit und eine Gesellschaft, die gerade jetzt die Humanität nicht verrät.
Anstatt sich mit unersättlicher Gier immer weiter zu bereichern, müsste allerdings das eine Prozent der Menschheit, das so viel besitzt wie der Rest der Welt, umdenken und zum Teilen bereit sein.

Es ist unglaublich wichtig, sich das letzte Büchlein Arno Gruens noch einmal vorzunehmen: „Wider den Terrorismus“:
„Die Kapitalkonzentrationen zerstören den sozialen Zusammenhalt. Wo sie in Erscheinung treten, verstärken sie die wirtschaftliche Ungleichheit, die in dem Maße zunimmt, wie sich die Vorherrschaft der Märkte ungehindert ausbreitet. Diese Zerstörung der sozialen Zusammenhänge wirkt deshalb so tödlich, weil die Akteure dieses Prozesses, die Wirtschaftsführer, wie C.W.Mills es beschreibt, ihren eigenen Zusammenhalt verloren haben. Sie sind nicht in der Lage die Auswirkungen ihres zerstörerischen Handelns auf ihre eigenen Bedürfnisse beziehungsweise auf die ihrer Mitmenschen zu erkennen. Zu sehr sind sie von ihrer eigenen Größe und Macht geblendet, zu sehr sind sie durch die Vorstellung von Größe und Macht als Ersatz für wahre menschliche Beziehungen geformt. Kaum ein Politiker ist heute noch bereit, für die Bedürfnisse der Menschen zu kämpfen, denn das hieße, sich gegen diese wirtschaftlichen Mächte zu stellen (…) auf diese Weise spielen sie den Terroristen in die Hände.“

Ganze Bevölkerungsgruppen werden mittlerweile ausgegrenzt von Wohlstand und dem Gefühl, einen Platz in der menschlichen Gesellschaft zu haben. Und diese Gruppen sind dem Tode eher zugewandt als dem Leben und leicht einzufangen von scheinreligiösen, patriarchalen Allmachtsfantasien. 
Solange die Politik ausschließlich den wirtschaftlichen Interessen einiger weniger dient, wird es kein Entrinnen geben vor Terror und Krieg.

Zum Weiterlesen:
Arno Gruen: Wider den Terrorismus
Klett-Cotta

Das Zitat von Heinrich Heine habe ich dem heutigen „neuen deutschland“ entnommen

 

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