Herz und Tatkraft

29.10.2015

Liebe Freunde,
zuallererst: mein herzlicher Dank für die vielen liebevollen, aufmunternden und herzlichen Kommentare. 
Aber eine Frage stellt sich mir nun doch: seit Wochen werde ich beleidigt, beschimpft, bedroht, hier, auf meiner Seite, weil ich zu Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Menschlichkeit aufrufe.
Was wollt ihr eigentlich auf meiner Seite?
Ist es euer schlechtes Gewissen, das euch zu solchen verbalen Auswüchsen treibt und euren Verstand so verengt?
Wenn heute vor euch jemand zusammenbricht, überlegt ihr dann zuerst ob er Syrer, Pakistani, Bayer, Österreicher ist, oder woher auch immer dieser Mensch kommen mag, und werdet ihr dann erst noch eine ideologische Grundsatzdiskussion führen? Oder versucht ihr nicht zu helfen? Sofort und auf der Stelle?
Wo Hilfe nötig ist, braucht es erst mal keine Ideologie. Da braucht es Herz und Tatkraft.
Meine Frau war gerade in Lesbos. „Soll ich, wenn ich ein Kind, das völlig verstört und verfroren und durchnässt auf einem Schlauchboot ankommt, mit einer traumatisierten Mutter, erst mal fragen, ob es aus wirtschaftlichen Gründen kommt? Nein, ich nehme es in den Arm und versuche die Kleider zu trocknen.“
Und was tun eigentlich einige hier so, als hätte ich mich nicht schon seit 40 Jahren politisch informiert, nachgedacht, eingemischt, gesungen?
Ein durchaus freundlicher Kommentator schrieb mir, ich sei ja sehr nett, aber ich sähe die politischen Zusammenhänge nicht. Doch darüber schreibe ich seit Jahrzehnten und jeder, der mich kennt weiß das.
Aber jetzt geht es erst mal um Hilfe in der Not. Wut UND Zärtlichkeit. Und manchmal ist es eben an der Zeit zu handeln. Aus Liebe. Ohne Warum.
Heute erreichte mich eine Mail von einem Herrn L.:
„Was wollen Sie eigentlich mit diesem ewigen Gesülze erreichen?
Die linken Moralfaschisten müssen Sie nicht mehr überzeugen.
Und die Rechten lachen sowieso nur über Sie, oder werden noch wütender….“ Und als Replik auf meinen Satz, ich würde nie die Perversion verstehen, weshalb ein Mensch ohne Papiere jemals illegal sein könne, antwortete er:
„…Nie werde ich die Perversion verstehen, warum ein Eigentumserwerb erst legal sein soll, wenn man dafür ein Papier mit einem Stempel besitzt.“
Daran erkennt man das eigentliche Drama unserer Gesellschaft. Viele können schon gar nicht mehr unterscheiden zwischen materiellem Eigentum und Menschen. Das entlarvt die eigentliche Gesinnung, die unsichtbaren Tropenhelme, unter denen wir bis heute ein kolonialistisches Denken zelebrieren, das unter anderem zu all dem Elend führte, das uns nun umgibt.
Herr L.: Menschen sind keine Gegenstände, die man verschieben und veräussern kann, besitzen und versklaven und genau deswegen werde ich mit meinem linken Gesülze nicht aufhören. Um Menschen wie Sie zur Vernunft zu bringen. 
P.S.:
Jeder beleidigende, rassistische und hasserfüllte, auch bereits gelöschte Kommentar auf meine letzten Postings , wird von meinen Freunden und mir mit 10 Euro bedacht und meiner Frau für die nächste Reise nach Lesbos mitgegeben, um dort die vielen mitfühlenden, helfenden und nicht hassenden Menschen zu unterstützen. (Inspiriert von der tollen Internet-Aktion: Hass hilft.)
Und euch allen, meinen lieben, im wahrhaft schönen Sinn des Wortes naiven FreundInnen, die jetzt helfen und handeln, wo auch immer, ohne sich hinter ideologischen Überbauten zu verstecken, danke ich für euer großes Herz. Für euer „Ohne Warum“. Lasst Euch nicht einschüchtern.
Wir werden die Welt dadurch nicht verändern, aber vielleicht an einzelnen Orten etwas wärmer machen.
Dass wir weiterhin auch politisch denken, agieren und agitieren werden ist doch eine Selbstverständlichkeit.
Muss ich das noch betonen?

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