Sunder warumbe

30.10.2015

Liebe Freunde,
ich bin überwältigt! Noch nie habe ich so viele liebenswerte, mutmachende, aufmunternde und herzerfrischende Zeilen auf einmal bekommen.
Ich danke Euch von Herzen.
Ich denke mal vielen von Euch geht es wie mir: wir spüren, dass sich die Gesellschaft spaltet und jetzt sollten wir etwas wieder erlernen, was uns in den letzten Jahrzehnten systematisch aberzogen wurde: solidarisch zu sein.
„Ohne Warum“ sing ich auf meiner Tournee zusammen mit meinen wunderbaren Musikerinnen und Musikern immer als Abschluss des Konzertes.
Ich möchte mich mit diesem Lied bei euch allen bedanken.
Inspiriert ist es von einem Gedicht des Arztes und Theologen Angelus Silesius, eines Lyrikers des 17. Jahrhunderts, das ich als sehr junger Mann schon mal gelesen hatte:
„Die Ros' ist ohn' Warum,
sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht’ nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.“
Dieses „ohn' Warum“ hat Angelus Silesius nicht erfunden. Schon 350 Jahre vorher hat Meister Eckhart „sunder warumbe“ als Ausdruck allen mystischen Denkens verstanden.
In unserer Gesellschaft ist mittlerweile alles nur auf einen Nutzen ausgerichtet, alles hat nur einen Wert, wenn es verkäuflich ist, der Herrschaft des Marktes dient. Was keinen Profit bringt, gilt als überflüssiger Luxus, als gefährliches Hindernis.
Sunder warumbe regt an, sich diesem pervertierten, ausschließlich auf materiellen Gewinn hin ausgerichteten Leben zu entziehen. Den Zauber des Unnützen wieder entdecken. Nicht leben, um etwas zu leisten, sondern leben wie die Amsel singt: ohne warum.
Wir erfreuen uns am Zwitschern der Vögel nicht, weil sie von uns engagiert wurden, uns Freude zu bereiten, nicht weil sich die Vögel damit schmücken wollen, uns zu Diensten zu sein. Sie sind frei und singen „sunder warumbe“. Und wenn es uns gefällt, ist es eine köstliche und wertvolle Zugabe zu ihrem Sein.
Wir sollten wieder beginnen zu singen, weil wir ein Lied haben.
Sunder warumbe.

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