Lasst uns die Türen weiter aufreißen

15.09.2015

Liebe Freunde, 
meine Frau Annik und mein 15 jähriger Sohn Tamino haben sich vor einigen Tagen spontan entschlossen, nach Wien zu fahren, um sich dort Menschen anzuschließen, die den Asylsuchenden in Ungarn helfen. Sie haben über die Facebookseite „!SOS RÖSZKE! AKUTHILFE!“ großartige Menschen kennengelernt, die die Hilfsaktionen koordinieren. Als mir mein Sohn erzählte, was er erlebt hatte, musste er weinen. Er sah direkt neben sich eine Mutter zu Boden stürzen und ihr kleiner, etwa 8jähriger Sohn tätschelte ihr, um Hilfe schreiend, immer wieder das Gesicht. Polizisten standen tatenlos und Sandwiches kauend daneben. Es gibt kaum Müllcontainer, keine Duschen, nicht einmal fließendes Wasser, keine Matratzen, zu wenig Zelte, die Menschen kauern apathisch auf dem Boden und haben Angst. Ein ungarischer Taxifahrer, bei dem ich in München eingestiegen war, bat mich eindringlich den Menschen hier zu sagen, dass nicht alle Ungarn so seien wie ihre faschistischen Politiker. Dass es auch dort viel Hilfsbereitschaft gibt.
Bei all dem entsetzlichen Leid, mit dem wir nun konfrontiert werden, keimt in mir aber auch Hoffnung.
Wir alle wurden überrascht von dieser wunderschönen Woge der Hilfsbereitschaft, die die beste Antwort ist auf brennende Flüchtlingsunterkünfte und unbelehrbare und unbarmherzige Rassisten. 
Gregor Gysi sagte mir neulich in München, die einzige Chance, Politiker zum Umdenken zu bewegen, ist, dass sich der Zeitgeist ändert. 
Diese Welle des „tätigen Mitgefühls“ (Albert Schweitzer) hat eine Türe einen Spaltbreit aufgemacht. Eine Tür ist geöffnet zur Revolution, zum längst fälligen Widerstand gegen eine wahnwitzige neoliberale Ideologie, die wie ein bösartiger Moloch in blindem Wachstums-Fanatismus mit permanenten Kriegen und Umweltverwüstung gefüttert werden muss und überall verbrannte Erde zurücklässt.
Wir müssen nun einen Fuß in diesen Türspalt stellen, damit sie nie wieder zuschlägt.
Es ist schön zu sehen, dass sich so viele sehr junge Menschen, denen man ja eigentlich nicht unbedingt Begeisterung für politisches Engagement nachsagt, an diesen Hilfsaktionen beteiligt sind.
Annik und Tamino konnten zwei junge Männer (17 und 20), die auf der mehrmonatigen Flucht all ihre Verwandten verloren hatten, trotz der Grenzkontrollen nach Deutschland bringen.
„Wenn das verboten ist, dann muss man eben auch was Verbotenes machen“, meinten sie lapidar.
Die beiden Flüchtlinge hatten, als sie die ungarische Grenze verließen, Freudentränen in den Augen.
Nur zwei Wochen nachdem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bereit erklärte, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen und sich wegen der „deutschen Willkommenskultur“ international feiern ließ, hat die Bundesregierung die Grenzen für Flüchtlinge dicht gemacht.
Sowohl Seehofer wie Orban lobten dann die Schließung der deutschen Grenze. Da wächst wohl zusammen, was zusammen gehört.
Auch Sigmar Gabriel hat die Rückkehr zu Grenzkontrollen ausdrücklich verteidigt.
„Merkels geheucheltes Mitgefühl für Flüchtlinge war vor allem eine Reaktion auf die Welle der Hilfsbereitschaft, die den Flüchtlingen aus der Bevölkerung entgegenströmte. Sie versuchte diese Stimmungen aufzufangen und in eine reaktionäre Richtung zu lenken. Die Entscheidung, die Grenzen dicht zu machen, ist auch eine Kampfansage an diese weit verbreitete Stimmung. Sie leitet eine neue Phase sozialer Angriffe, nationaler Konflikte in Europa und imperialistischer Kriege in Syrien und Libyen ein.“ (Peter Schwarz in der World Socialist Web Site)
Liebe Freunde, lasst uns die Türen, die die Orbans dieser Welt schließen möchten, weiter aufreißen und den Politikern zurufen:
Öffnet legale Wege nach Europa! Bezahlt die Unterbringung der Flüchtlinge aus den Milliardengewinnen der Rüstungskonzerne! Und nicht zuletzt: Verbietet alle Rüstungsexporte!

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