"Das hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand mit mir gemacht."

26.07.2015

Liebe Freunde,
in Dresden ist eine Zeltstadt für bis zu 1100 Flüchtlinge aus Syrien errichtet worden. Schon den Aufbau behinderten Rechtsextreme einer NPD Demonstration und sie bedrohten die Helfer. Diese und so viele andere Meldungen treiben einem die Schamesröte ins Gesicht. Die hassverzerrten Gesichter der Rassisten sind kaum zu ertragen. Wehe diese gefühllosen Dummköpfe sind losgelassen.
Was muss wohl alles schief gelaufen sein in einem jungen Menschenleben, dass man sich entschließt, mit einem Baseballschläger auf die loszugehen, denen es noch viel schlechter geht als einem selbst, auf die Ärmsten und Bedürftigsten?
Durch finanzielle Not und mangelnde Bildung allein ist das nicht zu erklären. Diesen Menschen muss von Kindesbeinen an jede Form von Zärtlichkeit verweigert worden sein, ihnen wurde, wie beim Militär, das Menschsein aberzogen.
Aber wir sollten aufpassen, dass unsere Empörung nicht ebenso Hass in unseren Herzen entstehen lässt und auf unsere Gesichter zeichnet.
In meinem Buch „Mönch und Krieger“ beschreibe ich ein Erlebnis, das mir unvergessen bleiben wird und - ein ganz klein wenig Hoffnung gibt:

„…Nur die Kraft der Versöhnung und der Vergebung kann etwas Nachhaltiges bewirken. Dieser Bereitschaft zur Versöhnung muss eine klare Analyse vorausgehen. Sie sollte auch nicht dazu führen, dass man die eigene Haltung aufgibt und sich die gegnerische Meinung zu eigen zu machen. Manchmal kann sogar Zärtlichkeit, auch wenn es schwer fällt, der richtige Weg sein, jemanden von der Unrichtigkeit seines Handelns zu überzeugen. 
Als ich 1996 mit einem schwarzafrikanischen Chor aus Kamerun auf Tour war, wurden wir in einer Stadt in Ostdeutschland, gefragt ob wir in einem Jugendzentrum, dessen „Schützlinge“ rechtsradikalem Gedankengut nahe standen, einen Besuch abstatten wollten. Ich fand das sehr interessant und fragte meine Freunde aus Kamerun, ob sie mitkommen wollten. Wir waren geschützt und Gewalt war nicht zu erwarten. 
Zwei der Sänger begleiteten mich dann. Sie kamen in Kameruner Tracht und wir standen einem feindseligen Haufen junger Leute gegenüber, die uns spöttisch angrinsten.Nach ein paar einleitenden Worten des Leiters des Zentrums und einigen belanglosen Wortgefechten, fragte ich einen der Wortführer, ob er denn bereit wäre, einen meiner Sänger in den Arm zu nehmen. Er schüttelte sich demonstrativ angeekelt und sagte unter beifälligem Gemurmel der anderen, zum Großteil sehr jungen Leute: "Nie. Nie nehm ich einen Schwarzen in den Arm“ Darauf rief mir einer zu: "Du würdest einen von uns auch nicht in den Arm nehmen." Gelächter allerseits. Daraufhin trat ich auf den jungen Mann zu, spontan und ohne mir etwaige Konsequenzen überlegt zu haben, und nahm ihn in den Arm und drückte ihn an mich. Es war eine atemlose Stille im Raum für einen fast endlosen Augenblick. 
Dann sagte er zu mir den Satz den ich niemals in meinem Leben vergessen werde: "Das hat in meinem ganzen Leben noch nie jemand mit mir gemacht." In seinem ganzen Leben - ich war erschüttert. In was für einem Elternhaus musste der junge Mann aufgewachsen sein, wenn ihn nie jemand in den Arm genommen hat. Man verzeihe mir die Polemik, aber was soll da denn dabei herauskommen, wenn nicht ein Rassist, eine Gewalttäter, ein Nazi? Ich wage zu behaupten, ohne diese verdammte "schwarze Pädagogik" zu Anfang des 20. Jahrhunderts, ohne diese verdammte autoritäre, Menschen zu Untertanen abrichtende, liebelose, entzärtlichte Erziehung wäre das „dritte Reich“ nicht möglich gewesen. Es wäre einfach nicht denkbar gewesen, dass Millionen von Menschen sadistischen und entmenschlichten Führern bedingungslos folgen.“

 

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