Der friedliche Michel

13.05.2015

Liebe Freunde,
Erich Mühsam, Anarchist, führendes Mitglied der Räterepublik in München,wurde 1919 zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt. 1924 wurde er amnestiert und nach dem Reichtagsbrand wieder verhaftet, unmenschlich gequält und in der Nacht zum 10. Juli im KZ Oranienburg ermordet.
Die Gedichte des aufrechten und standhaften Dichters müssen unvergessen bleiben!
Am 10. Mai 1933, wenige Wochen nach der Machtübergabe an die Nazis, beteiligten sich 50.000 Münchnerinnen und Münchner (großenteils Akademiker) an der Bücherverbrennung auf dem Königsplatz, die von Studenten der Münchner Universitäten und dem Rektor inszeniert wurde.
Verbrannt wurden Bücher von Autoren wie Erich Mühsam, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Anna Seghers, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig und Stefan Zweig.
Ich habe im Gedenken an diese widerliche Tat das folgende Gedicht Mühsams in München am 10. Mai auf dem Königsplatz gelesen.
100 Jahre nach dem Beginn des großen Mordens, bei erneut gesteigerten deutschen Waffenexporten und aus Anlass gegenwärtiger Kriege und Kriegsgefahr stellten Wolfram P. Kastner, das NS-Dokumentationszentrum München und viele andere die Lesung unter das Motto:
"Die Waffen nieder!"
(nach dem Titel des Buches von Bertha von Suttner, das 1933 auch verbrannt wurde.) Viele der verfolgten und verbrannten Dichter schrieben gegen den Krieg.
Aber - „Hört man nicht in allen Reden feierlich den Krieg befehden?“
Und wie seinerzeit Erich Mühsam - auch ich trau diesem Frieden nicht…
(Gerade lese ich: ...Deutschland liefert weiter Waffen an Saudi-Arabien. Es ist zum Kotzen!)

Der friedliche Michel

Hört man nicht in allen Reden
feierlich den Krieg befehden?
Und besonders bei Visiten
an den Höfen fremder Fürsten —
fühlt man in den Redeblüten
nicht die Welt nach Frieden dürsten?

Stets gebärdet Michel sich
ringsherum freundnachbarlich.
Ja, das Deutsche Reich entschieden
ist beflissen auf den Frieden.
Doch — wenn die Hereros wollen
nicht gehorchen bis aufs Jota,
sie die Frechheit büßen sollen,
und man schickt den Herrn von Trotha!

Dennoch aber sag' ich euch:
Friede sinnt das Deutsche Reich!
Ja, der Kriegsgott liegt am Bändel,
und wir suchen nirgends Händel.
Dieses ward jüngst in Saarbrücken,
in Karlsruh' und Mainz gepredigt,
und wir sehn, wie mit Entzücken
alles friedlich sich erledigt.

Kriegsschiff und Kanone ruht –
wenn der Andre uns nichts tut!
Doch, da haben wir den Haken!
Unterm weißen Friedenslaken
schlummern so geheime Kräfte,
wo wir niemals wissen können,
ob man nicht als Flintenschäfte
sie wird eines Tags erkennen. – –

Drum, ob man auch milde spricht –
Ich – trau diesem Frieden nicht!

(aus: Der Wahre Jacob, 1904)

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