Naiv ist, wer Frieden will?

02.04.2015

Widerrede. Deutschland gibt pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär aus, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst – das sagt alles

(Heute im „Freitag“ veröffentlicht.)

„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen“, sagte Erich Maria Remarque. Das trifft den Punkt. Wer von denen, die heute dafür plädieren, Deutsche müssten ihre Verantwortung in der Welt vor allem tötend und sterbend wahrnehmen, zieht denn schon persönlich in den Krieg? Über die „Notwendigkeit von Kriegen“ schwadronieren gesetzte Damen und Herren aus sicherem Abstand, das blutige Geschäft müssen andere verrichten.

Der Angriff auf Irak seit 2003 und die Besetzung durch die USA haben einer halben Million Iraker das Leben gekostet. Wer es, wie ich, damals gewagt hatte, das Vorgehen der USA zu kritisieren, wurde als Verschwörungstheoretiker und Saddam Hussein-Versteher verunglimpft. Heute weiß man, dass George W. Bush zahlreiche PR-Agenturen beauftragt hatte, um pazifistischen „Weicheiern“ den Krieg schmackhaft zu machen. Momentan wird das gleiche „Spiel“ wieder gespielt. Und statt der Hussein- sind nun Putinversteher ins Visier der Bellizisten geraten. Als gäbe es nichts Schlimmeres als den Versuch, die andere Seite zu verstehen - was ja nicht mit Zustimmung gleichzusetzen ist.

Glaubt denn wirklich noch ein aufgeklärter Mensch, dass wir um der Demokratie willen streiten und bomben? Hans-Peter Dürr, der verstorbene große Physiker, schrieb: „Man braucht kein Pazifist zu sein, um zu erkennen, dass Krieg in seiner heute üblichen hoch-mechanisierten over-kill-Form nicht mehr rational als Problemlöser fungieren kann, da durch ihn, in der Regel, vor allem Unschuldige, jetzt und auch künftig Lebende, getroffen werden und nicht die vermeintlichen oder gar eigentlichen Schurken.“

In den Jahrzehnten, in denen ich mich bewusst mit Nachrichten beschäftige, habe ich niemals eine derartige Propagandaschlacht erlebt wie heute. Noch ist allenthalben viel gesunder Menschenverstand, sind Mitgefühl und Zurückhaltung in der Bevölkerung verbreitet. Aber durch den Dauerbeschuss mit Un- und Halbwahrheiten kann man den Menschen diese Eigenschaften auch nach und nach aberziehen. Wie macht man ein friedliebendes Volk kriegslüstern? Man hat dies zu Beginn des Ersten Weltkriegs gesehen: durch Propaganda, durch Erfindungen und Lügen, durch die Erschaffung eines Feindes.

Während das Volk mit Brot und Spielen gefüttert wird – wobei es mit dem Brot für die wachsende Schicht der Armen hapert –, dealt die Große Koalition fleißig weiter mit Waffen: für „lupenreine Demokratien“ wie Saudi Arabien und Singapur. Sie werden in der jeweiligen Region weiterverkauft, ohne dass Deutschland irgendeine Form der Kontrolle darüber hätte. Vermutlich will man das auch gar nicht. Zu große Zurückhaltung beim Töten könnte Arbeitsplätze in der heimischen Rüstungsindustrie gefährden.

Eine neue „Kultur des Krieges“ entsteht gerade, wie es Jakob Augstein in einem Kommentar benannte. In einer Zeit, in der es mehr bewaffnete Konflikte gibt als je zuvor, wird nun aus allen Ecken wieder auf den Pazifismus eingeprügelt. Anstatt sich Gedanken zu machen, wie der Friede vorbereitet werden kann, denkt man in bestdotierten Think Tanks darüber nach, wie man neue Märkte erschließen kann: mit Waffen und der immer gleichen Anmaßung, sich auf der Seite des Guten zu wähnen. Und ein missbrauchter Gott wird wohl bis in alle Ewigkeit die Waffen segnen müssen – vorzugsweise für beide Varianten des „Guten“.

Uns wird weisgemacht, dass Frieden noch immer das Endziel westlicher Politik sei. Was wäre aber, wenn Instabilität im Nahen Osten geradezu erwünscht wäre, um militärische Dauerpräsenz zu rechtfertigen? Was wäre, wenn es ohne die westliche Politik den „Islamischen Staat“ (IS) gar nicht gäbe? Was wäre, wenn all dieser Wahnsinn wohlgelitten wäre, um immer wieder aus „humanitären Gründen“ eingreifen zu können und die Welt in Unruhe zu halten? Es wäre ehrlicher, zuzugeben, dass der Kapitalismus immer wieder Kriege braucht, um sich am Leben zu halten.

Was derzeit geschieht, macht mir Angst. Wenn die maßvollen Kräfte es nicht schaffen, eine internationale Friedensbewegung auf die Beine zu stellen, die ein eindeutiges „Mit uns nicht!“ skandiert, kann es passieren, dass Europa wieder in einem Krieg verbrannt wird. Auch die diesjährigen Ostermärsche haben natürlich meine volle Solidarität. Ich plädiere für eine entschiedene Ausweitung der bisherigen zivilen Hilfe, etwa durch feste Flüchtlingscamps und Lazarette mit medizinischer Versorgung. Flüchtenden, die eine Kriegsregion verlassen wollen, muss ohne Wenn und Aber Asyl gewährt werden. Natürlich werden viele wieder behaupten, dies sei naiv. Aber man muss eben einmal damit beginnen, den Frieden zu schaffen. Deutschland gibt pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär aus, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst. Das sagt alles.

Es wäre schön, wenn meine Stimme zu einem Chor aufrechter Stimmen anschwelle, der mit aller Vehemenz für die Sache des Friedens eintritt. Wir glauben weiter an die Kraft der Veränderung. Zuallererst müssen wir uns gegen die Nebelkerzen wehren, mit denen wir täglich beschossen werden. Was wäre, wenn der Friede kein Wunder bräuchte, sondern eine Revolution?

https://www.freitag.de/ausgaben/1415


zurück