...wie wichtig es ist, sich die Zeit zu nehmen

22.02.2015

Liebe Freunde,
erstmal möchte ich mich bei all jenen bedanken, die meine Texte zu Ende lesen, wie ich mich jeden Abend bei meinem Publikum dafür bedanke, dass es mir fast vier Stunden so aufmerksam zuhört.
Ich empfinde das als großes Geschenk in einer Zeit, in der es vielen Menschen zur Gewohnheit wurde, einfach wegzuzappen, oder sein Smartphone zu zücken, wenn einem was nicht so auf Anhieb gefällt oder erstmal unverständlich scheint.
In meinem letzten Beitrag wollte ich euch euch den Relaunch meines Webmagazins vorstellen, an dem unsere MitarbeiterInnen mit viel Mühe und Liebe lange Zeit gearbeitet haben.
Aber: über 90 Prozent der Kommentare beschäftigten sich dann mehr oder weniger ausschließlich mit dem Thema "Lügenpresse".
Das Wort wurde in meinem offensichtlich zu ausführlichen Beitrag ja auch schon in der ersten Zeile erwähnt.
Die Beiträge in diesem Webmagazin für Kultur & Rebellion sind auch ausführlich und nicht im Schlagzeilenstil formuliert - unter anderem darum heißt es ja auch "Hinter-den-Schlagzeilen" - und so langsam beschleicht mich der Verdacht, dass vielleicht manche KommentatorInnen hier auf Facebook ungern über die ersten zwei, drei Zeilen hinaus lesen.
Ich habe mich ehrlich gesagt etwas gewundert, dass, wenn wir eine kostenlose Webzeitung vorstellen, die bewusst auf Werbung verzichtet, in der hervorragende und engagierte AutorInnen schreiben - sich die wenigsten der Kommentatoren die Mühe machen, das Magazin auch anzusehen.
So schnell wie die meisten Kommentare herein geplatzt sind, kann man sich nämlich über „Hinter-den-Schlagzeilen“ gar nicht informiert haben.
Es scheint bei einigen Mitmenschen ein dringendes Bedürfnis zu bestehen, seine vorgefasste Meinung in die Welt zu tragen, bevor man den anderen überhaupt ausreden lässt.
Wir werden nichts verändern können, wenn wir uns der gängigen Methoden bedienen, nämlich der Methoden derer, die ihre zunehmende geistige Verödung gar nicht bemerken, weil sie so sehr beschäftigt sind mit der Anhäufung von Geld und Macht.
Es sollte uns deshalb gerade nicht um Wettbewerb gehen - zum Beispiel wer dem Anderen das schlagkräftigste Argument um die Ohren haut - sondern um Dialog. Wir sollten wieder lernen, wie wichtig es ist, sich die Zeit zu nehmen, hinter die jeweils neuesten Schlagzeilen zu blicken, wir sollten der SMS- und Kurzmitteilungswelt wieder lange und durchdachte Sätze entgegenhalten.
Während des bedachten Schreibens fallen einem ja oft die entscheidenden Thesen und Antithesen erst ein, und genau dieser innere Diskurs ist so wichtig.
Unsere Welt ist vom Homo oekonomikus diktiert und dem kann man nur mit rebellischem, phantasievollem, liebevollem Verstand begegnen und - mit Poesie!
Denn Verse beugen sich keiner überstürzten und auf Nützlichkeit zielenden Logik.
Ich danke allen, die sich für „Hinter den Schlagzeilen“ schon seit vielen Jahren engagieren, allen festen und freien MitarbeiterInnen, für ihre zeitaufwändige Arbeit und diesen, meines Erachtens überaus geglückten Relaunch.
http://hinter-den-schlagzeilen.de/

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