Sunder warumbe.

30.12.2014

Liebe Freunde
in diesen stillen Tagen des ausklingenden Jahres fällt mir ein Gedicht von Angelus Silesius ein, eines Lyrikers des 17. Jahrhunderts, das ich als sehr junger Mann schon mal gelesen hatte, da mich die Lyrik des Barock stark inspirierte.
„Die Ros ist ohn Warum,
sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.“
In diesem Epigramm des Mystikers, Theologen und Arztes, der sich später Angelus Silesius nannte, ist die Rose ein Bild des wahren Seins. Sie ist ohne Zweck, sie ist in sich selbst sinnvoll.
Dieses „ohn Warum“ hat Angelus Silesius nicht erfunden. Es ist ein fester Gedanke in der Mystik. Schon 350 Jahre vorher hat Meister Eckhart „sunder warumbe“ als Ausdruck mystischen Denkens verstanden.
Und dieses sunder warumbe - ohne Warum - berührt, bewegt und fordert mich, je älter ich werde, immer mehr.
In unserer Gesellschaft ist mittlerweile alles nur auf einen Nutzen ausgerichtet, alles hat nur einen Wert, wenn es verkäuflich ist, der Herrschaft des Marktes dient. Alles was keinen Profit bringt, gilt als überflüssiger Luxus, als gefährliches Hindernis.
Sunder warumbe regt an, sich diesem pervertierten, ausschließlich auf materiellen Gewinn hin ausgerichteten Leben zu entziehen. Den Zauber des Unnützen wieder entdecken. Nicht leben, um etwas zu leisten, sondern leben wie die Amsel singt: ohne warum.
Wir erfreuen uns am Zwitschern der Vögel nicht, weil sie von uns engagiert wurden, uns Freude zu bereiten, nicht weil sich die Vögel damit schmücken wollen, uns zu Diensten zu sein. Sie sind frei und singen sunder warumbe. Und wenn es uns gefällt, ist es eine köstliche und wertvolle Zugabe zu ihrem Sein.
Wir sollten wieder beginnen zu singen, weil wir ein Lied haben.
Sunder warumbe.
„Die Ros ist ohn Warum,
sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.“
Alles Liebe
Euer
Konstantin
https://www.youtube.com/watch?v=t0764Gmtofw

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