Vom Außer-sich-Sein

22.10.2014

Liebe Freunde,
vielleicht liegt es ja daran, dass ich noch vor wenigen Tagen bei strahlendem Sonnenschein auf der Akropolis lustwandelte - jedenfalls wurde ich gestern an einen Satz des Sokrates erinnert, den Platon in seinem „Phaidros“ zitiert.
Sokrates weist dem Außer-sich-Sein, der Mania, eine bedeutende Rolle zu: „Nun aber werden uns die größten Güter durch einen Wahnsinn zuteil, der freilich durch göttliche Gunst verliehen wird.“
Sokrates erkennt diese produktive Ekstase in vier Bereichen; Ekstase ist wirksam in der Prophezeiung, der Heilung der Poesie und der Liebe. Ja, in der Poesie!! Und in der Musik möchte ich noch hinzufügen. Und da ich immer wieder gefragt werde, warum ich mein Tourenprogramm denn gerade „40 Jahre Wahnsinn“ genannt habe - eine würdigere Rechtfertigung dieses Wortspiels als durch Sokrates und Platon hätte ich wohl nicht finden können.
Ich verdanke diesen köstlichen Fund der wunderbaren Dorothee Sölle und ihrem mich zutiefst berührenden Buch „Mystik und Widerstand“, über das ich hier noch schreiben werde.
Die Theologin merkt dazu noch an, dass Platon dieses Außer-sich-Sein in die mystischen Tätigkeiten einsetzt, und statt diese Zustände dem Hohn und Spott der Neunmalklugen preiszugeben, „hebt“ Platon sie „auf“ im Hegelschen Sinne von conservare (bewahren) und elevare (erheben).
Wenn ich mich ganz ehrlich frage, warum es mich immer noch mit solcher Freude auf die Bühne drängt, dann hat das sicher mit diesem Außer-sich-Sein in manchen Momenten zu tun. Mit der Schönheit der Ekstase.
Gerade haben wir die heißen Proben zur Tour und ich bin noch am Auswählen der Lieder, die unbedingt dabei sein müssen. Am liebsten wäre es mir ja ich könnte ein Lied für jedes Jahr spielen, aber ich fürchte, der Abend nähert sich dann rein zeitlich wenigstens wagnerischen Dimensionen an:)
Sollte euch noch ein Lied einfallen das schlichtweg unverzichtbar wäre - schreibt es mir an info@wecker.de .
Ein paar Tage ist ja noch Zeit zum Proben.

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