Mystik und Widerstand

22.10.2014

Liebe Freunde,
wie vorher angekündigt nun noch ein kurzer Text zu einem Buch, das mich seit einigen Tagen fesselt und nicht mehr los lässt: „Mystik und Widerstand“ von Dorothee Sölle.
Immer schon habe ich diese streitbare und friedensbewegte Theologin bewundert. Welcher Theologe wagt sich schon an Sätze wie diesen: „Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Welt kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte… Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten.“
1997 erschien dieses Buch bereits, ich habe es damals nicht gelesen.
Nun wurde es nach ihrem Tod noch einmal veröffentlicht vom Kreuz Verlag, mit einem beachtenswerten Vorwort ihres Ehemannes Fulbert Steffensky.
Das Werk gehört zu den Büchern, bei denen ich das Gefühl habe, hier schreibt mir jemand aus der Seele, ja, fast als würde diese Autorin mich persönlich kennen.
Das, was ich seit über 10 Jahren mit meinem Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ zu erreichen versuche, eine Annäherung sich politisch engagierender Menschen an spirituell Suchende und umgekehrt, ist mit diesem Buch Zeile für Zeile besser begründet, als ich es je könnte.
„Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Und mystische Lebenswahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, das gehört zur Mystik……Der Widerstand von Franziskus oder Elisabeths von Thüringen oder von Martin Luther King wächst aus der Wahrnehmung der Schönheit. Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.“
All die wichtigen Erfahrungen kleiner Kinder, das Erleben des Staunens, der kleinen Wunder, nicht rational erklärbare Wahrnehmungen unsichtbarer Freunde und so vieles mehr aus den rein geistigen Bereichen, werden den Menschen in unserer Kultur mit einer schnell überwundenen Kindheit gründlich ausgetrieben. „Wir erklären sie dann zu Spinnereien, wir privatisieren und banalisieren sie mit den beliebten Nichts-als-Formeln….Einbildung, schlechte Verdauung, Überreizung müssen herhalten.“
Wir treiben sie unseren Kindern aus und zerstören sie zugleich in uns selber.
Vielleicht ist die Trivialisierung des Lebens die stärkste mystische Macht in uns. Es wird dir nicht verboten zu spinnen oder zu träumen. du kannst alles denken, fühlen, erfahren und mitzuteilen versuchen. „Sobald es ans Licht tritt, wird es entwichtigt, sinnlos gemacht, abgetan, weil es sich in Bezug auf die bei uns herrschende Währung nicht konvertieren lässt. Es bringt nichts, es lässt sich nicht verwerten, es ist ohne Entgelt.“
Das Buch macht Mut zu dem zu stehen, was man in den stillsten und glücklichsten Momenten des Lebens erfahren darf: Es gibt eben so vieles mehr, als nur materielle Güter, es gibt ein Ewiges, in der Sprache der Mystiker das „Nun“, das immerwährende Jetzt, das wir in uns tragen und das entdeckt werden will.
Und wir dürfen uns diese Sehnsucht nicht rauben lassen.
„Mein Ziel ist es, die Erfahrung des unbekannten Lebens „zurückzuholen“ als etwas, das uns gestohlen wurde, noch ehe wir geboren waren. Ich will mich dem schicksalhaften Zwang der Moderne nicht absolut unterwerfen und entsprechen nicht die Wissenschaft zu dem totalitären Gott machen, neben dem wir keine anderen Götter haben sollen“, schreibt Dorothee Sölle.
Diesen schicksalhaften Zwang der Moderne nannte Max Weber die „Entzauberung der Welt“ und genau dieser Entzauberung will auch ich mich nicht beugen.
In der Poesie und in der Musik spüre ich manchmal diesen Zauber und ich weiß dann wieder, welche Kraft Worte und Ideen haben können.
Mystik und Widerstand und damit auch politisches Engagement sind untrennbar miteinander verbunden. Diesem großartigen Buch gelingt es, das zu beweisen.
„Du stilles Geschrei“ heißt das Buch im Untertitel. Es ist dieses stille Geschrei in uns, das uns auffordert uns weiter zu engagieren und weiter nach der Quelle des Seins zu suchen.

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