Ungehorsam ist nun gefragt.

15.08.2014

Liebe Freunde,
Jan Fleischhauer, der SPIEGEL-Kolumnist, beschimpft Margot Käßmann, ihr als Theologin gehe das Verständnis für das „Böse“ ab. Cem Özdemir sagt in der ARD, die kurdischen Peschmerga-Kämpfer hätten bereits Tausenden von Jesiden das Leben gerettet: "Das haben sie nicht mit der Yogamatte unterm Arm gemacht, sondern mit Waffen."
Fleischhauer trägt seinen Namen zu Recht, das weiß man. Er haut rein, wo er kann und er weiß natürlich, was böse ist und was gut, und fordert gern zum Kämpfen auf, solange er bequem von seinem Schreibtisch aus Gift versprühen kann. Sollen doch andere für ihn sterben, er selbst muss ja nicht zum Mörder werden wie die Soldaten, die er für den Erhalt seines bequemen Kriegsreporterpostens abschlachten lässt. Herr Fleischhauer, schauen Sie doch mal kurz über den Rand ihres stets prall gefüllten Tellers: Nur wenige Flugstunden entfernt ist das, was Ihnen so gut erscheint, absolut böse. Haben Sie jemals in einem Geschichtsbuch geblättert?
Ich habe schon vor fast vierzig Jahren in meinem Lied „Hexeneinmaleins“ geschrieben:
„Immer noch werden Hexen verbrannt
auf den Scheiten der Ideologien.
Irgendwer ist immer der Böse im Land
und dann kann man als Guter
und die Augen voll Sand
in die heiligen Kriege ziehen.“
Frau Käßmann sagt völlig zu Recht - wie Eugen Drewermann auch es ähnlich ausdrückt:
"Es ist interessant, dass Sie immer vom Ende her denken, wenn es keine gewaltfreie Lösung mehr zu geben scheint. Heute existieren viele Friedensforschungsinstitute, die Strategien entwickelt haben, um Konflikte zu vermeiden oder zu schlichten. Aber am Willen hapert es.“
Man muss eben einmal beginnen, den Frieden zu schaffen, auch wenn es bisher versäumt wurde. Deutschland gibt pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär aus, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst. Das sagt meines Erachtens alles aus. Eine friedliche Welt ist dem freien Markt und seinen Kriegsgewinnlern immer schon ein Dorn im Auge gewesen.
Und der Spott des Herrn Özdemir - auch ein sicherer Kandidat für ein sicheres Leben in Kriegszeiten - dieser Spott ist angesichts der Tatsache, dass es zur Zeit mehr bewaffnete Konflikte gibt als je zuvor, geradezu unerträglich und - eitel. Aber er ist eben auch nur ein Erfüllungsgehilfe einer neuen „Kultur des Krieges“, wie es Jakob Augstein in seinem hervorragenden neuen Kommentar so richtig benennt.
Aus allen Ecken wird nun wieder auf den Pazifismus eingeprügelt, damit lässt sich eben kein Geld verdienen und irgendwie muss es den Herrschenden doch gelingen, diesem störrischen Volk, das immer noch mehrheitlich bewaffnete Einsätze ablehnt, kriegerisches und männliches Denken einzupauken.
Anstatt sich ehrlich Gedanken zu machen, wie man Frieden vorbereitet, denkt man in bestdotierten Think Tanks exklusiv darüber nach, wie man neue Märkte erschließen kann. Mit Waffen, mit Gewalt, mit dem immer gleichen Recht, auf der Seite des „Guten“ zu sein. Und jeder weiß, was Gott will und dieser arme Gott muss wieder die Waffen segnen und er segnet und segnet, die Waffen der Guten und der Bösen, bis in alle Ewigkeit, Amen.
Und der Gott der Liebe und des Verzeihens? Der Gott der Güte und des Erbarmens?
Vergessen, verjagt, ausgeklammert aus den Hirnen eitler Besserwisser und Geschäftemacher, Kriegstreiber und Angeber, Fanatiker und Dummköpfe.
Kurt Tucholsky schreibt 1931 in „Der bewachte Kriegsschauplatz": „Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratkilometer Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich Mord? Natürlich: Mord. Soldaten sind Mörder.“
Ich jedenfalls halte mich weiter an Tucholsky und nicht an die Özdemirs, Fleischhauers und Gaucks und all die anderen, die ihre Hände in Unschuld waschen werden, wenn „unsere Jungs“ zum Morden geschickt werden und „unsere Waffen“ den Frieden herbei schießen.
Im Bundestag gab es eine Debatte um den Antrag der LINKEN mit der Forderung, eine Gedenktafel für Karl Liebknechts Verweigerung der Kriegskredite im Jahr 1914 anzubringen. Er blieb als einziger sitzen, als es zur Abstimmung kam und hatte in seiner persönlichen Erklärung auf die Schuld des deutschen Kapitals und der deutschen und österreichischen Kriegspartei hingewiesen.
„Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarkts, um die kapitalistische Beherrschung wichtiger Siedlungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital…“
Liebe Freunde, kommt euch das bekannt vor? Haben wir nichts, aber auch überhaupt nichts dazugelernt?
CDU, SPD und die Grünen lehnten eine Gedenktafel für Liebknecht ab.
Wundert uns das?
Die Abgeordnete der LINKEN Sevim Dagdelen schreibt: „“Wir leben in einer Vorkriegszeit. Das spüren immer mehr Menschen in diesem Land. Unsere Aufgabe ist es, die Lügen, die die neuen Kriege mitvorbereiten, zu entlarven. Damit die Mehrheit der Bevölkerung, die Krieg als Mittel der Politik ablehnt, die keine Auslandseinsätze und Rüstungsexporte will, endlich zu ihrem Recht kommt.“
Daran möchte ich Teil haben. Und nicht am Kriegsgeheul obrigkeitstreuer Lobbyisten und Politiker.
Ungehorsam ist nun gefragt. Wir sollten Schulen des Ungehorsams gründen.
In meinem Herzen hat Karl Liebknecht seine Gedenktafel schon lange.
Und in vielen anderen auch.
Dessen bin ich mir sicher.

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