Utopien

21.07.2014

Liebe Freunde,

der große Psychologe Arno Gruen, wurde einmal - es war während unserem Pazifismus-Kongress - zu seiner nie ermüdenden Hoffnung auf eine friedlichere Welt interviewt. „Aber Herr Professor, seit 6000 Jahren sind die Menschen so“, wandte der Journalist ein. „Ja, und seit 6000 Jahren machen sie es falsch“, war Gruens Antwort. Genau so ist es. Seit 6000 Jahren herrschen auf der Erde Gesellschaftssysteme, die das Gegeneinander und die Konkurrenz fördern, nicht das Miteinander; den Krieg, nicht den Frieden; die Zerstörung, nicht den Aufbau; die Unterdrückung weiblicher Werte und den Triumph der vermeintlich männlichen. (Natürlich gab es die andere, die bessere Geschichte als Gegenbewegung auch immer - wenn auch nicht siegreich - Ernst Bloch hat in seinem „Prinzip Hoffrnung“ sozusagen die historische Enzyklopädie dieser besseren Geschichte vorgelegt.)


Diese Fehlentwicklung sollte uns aber nicht dahin bringen, zu resignieren und die katastrophalen Fehlleistungen einer wie immer gearteten „menschlichen Natur“ in die Schuhe zu schieben. 6000 Jahre sind im Vergleich zu 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte gar nicht einmal so lang. Es sind ja immer die Herrschenden, die besonders daran interessiert sind, uns einzureden, dass ihr Handeln selbstverständlich, „alternativlos“ sei. Es sei natürlich, die Natur zu zerstören, und unvermeidlich, Menschen verschiedener Weltanschauungen und Nationen immer wieder zu Hass, Terror und Krieg anzustacheln. Mit dieser Fiktion zieht sich die sogenannte „Elite“ billig aus der Verantwortung und manipuliert uns, Verhältnisse hinzunehmen, die eigentlich nicht hinnehmbar sind. Der Neoliberalismus will uns seine eigene Natur – die rücksichtslose Durchsetzung eines ökonomischen „Survival of the fittest“ – als „Natur des Menschen“ verkaufen. Ich weigere mich, mir das einreden zu lassen. Meine Kinder haben mir gezeigt: Der Mensch ist ein empathisches Wesen, fähig zu Liebe und Mitgefühl, und zwar von Geburt an. Fragwürdig ist nicht das, sondern die Tatsache, dass viele Menschen als Erwachsene nicht mehr die empathiefähigen Lebewesen sind, als die sie zur Welt gekommen waren.

Um die Welt verändern zu können, braucht es aber Vorstellungen davon, wie diese veränderte Welt aussehen könnte. Mit anderen Worten: Utopien. Mit meinem Eintreten für Utopien bin ich ja oft angeeckt – bei der ideologischen Linken, weil meine Visionen einer besseren Zukunft nicht genau auf deren Linie war; und bei den Neoliberalen, weil die überhaupt kein Interesse an einer anderen Welt haben als der, die ihrem Profit dient und die sie der Menschheit aufgezwungen haben. Ich glaube, es ist ungemein wichtig, eine Utopie zu entwickeln, selbst wenn sie in mancher Hinsicht vielleicht noch nicht präzise genug ist. Sie repräsentiert etwas Geistiges, an das wir uns halten können in einer allzu verdinglichten Welt.

Selbst Wohlmeinende argumentieren ja oft: Warum nicht das Naheliegende tun anstatt sich mit Vorstellungen zu befassen, die vermutlich nie oder wenn, dann erst sehr spät, realisiert werden können? Täten wir nicht besser daran, einen Weg der kleinen Schritte zu gehen? Ich sehe keinen Widerspruch zwischen großen Zielen und kleinen Schritten. Die letzteren sollten wir selbstverständlich unternehmen, aber: damit sie überhaupt in die richtige Richtung führen, brauchen wir eine Idee. Diese große Idee könnte zum Beispiel eine Revolution des Mitgefühls sein. Daran müssen wir stets im Widerspruch zu einem System festhalten, das eher dazu geeignet ist, Mitgefühl abzutrainieren.


Oscar Wilde sagte: „Eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keine Beachtung, denn sie lässt die Küste aus, wo die Menschheit ewig landen wird.“ In den letzten Jahren habe ich viel darüber nachgedacht, wie weit ich in meinem ganzen Leben Utopien gefolgt bin. Utopie heißt ja wörtlich übersetzt „Nicht-Ort“. Wie kann ein Ort, der nicht (oder noch nicht) Realität ist, ein Leben beeinflussen? Und kann man sich an etwas festhalten, das nicht fest ist, das vielmehr zu verschwimmen scheint am Horizont des Möglichen? Ich habe aber dem Festen und Starren nie so recht getraut, weder politischen Ideologien noch kirchlichen Dogmen. Eher ist es das Geistige, immer in Bewegung befindliche, was mich bewegt. Mein Gott ist nichts fest Umrissenes, woran ich mich klammern kann, und wenn ich meditiere, flüstert er mir nicht ins Ohr, was ich zu tun und zu lassen habe.

Also, machen wir uns auf den Weg zu diesem nicht fest umrissenen Nicht-Ort der Liebe.
Mit Wut und voller Zärtlichkeit.

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