Ein Stiefeltritt ins Gesicht

17.07.2014

Liebe Freunde,
heute erreichte mich eine Mail von einem Erfurter Antifaschisten, die mich wütend gemacht hat:
„Lieber Konstantin Wecker,
Ich hatte [bzw. wir hatten] soeben eine Begegnung der anderen Art - besonders mies und perfide:
Vor dem Erfurter Landtag haben die Thüringer Nazis für heute Vormittag eine Demonstration angemeldet, um ihr erbärmliches Personal und Landtagswahlprogramm vorzustellen. Den 15 Nazis um ihren Landeschef Wieschke standen wir etwa 150 Gegendemonstranten, u. a. von LINKEN, Grünen, SPD und Gewerkschaften, gegenüber ["gut" abgetrennt durch die Polzei] und bemühten sich lautstark, das braune Gehabe zu übertönen.
Weshalb ich Dir das schreibe?
Als eine Pausenmusik ließen die Nazis Dein Lied "Was keiner wagt" vom Band laufen. Da fehlen einem doch glatt die Worte: Gerade du als jemand, der immer offen gegen Nazis aufgetreten ist, wirst von den Nazis für deren Zwecke mißbraucht.
Ob das juristisch bewertbar ist - ich weiß es nicht. Schon Hannes Wader hatte sich ja mit solchen Problemen herumzuschlagen, ich weiß nicht, ob mit Erfolg oder nicht. Aber vielleicht willst Du Dich selbst gegenüber der Thüringer Öffentlichkeit äußern, irgendwie öffentlich reagieren?“
Brigitta Huhnke schrieb 2007 in den Nachdenkseiten:
„Doch seit einigen Jahren ist in der musikalischen Neonaziszene noch eine weitere Entwicklung zu beobachten: ob auf NPD Demonstrationen, Kameradschaftsabenden, esoterischen Events: neben völkischen Mythen tauchen vermehrt nun auch Plagiate auf: Lieder aus der linken Liedermacherszene. So ist „Allein machen sie dich ein”, von „Ton, Steine, Scherben“, regelmäßig bei neonazistischen Aufmärschen zu hören. Die rechtsradikale Band „Landser“, 2005 vom BGH endlich als terroristische Vereinigung eingestuft, hat ebenfalls Stücke von Ton Steine Scherben im Repertoire. Auch der alte linke Demo-Song „Was wollen wir trinken“ der holländischen Gruppe „Bots“ ist in solchen Zusammenhängen häufiger zu hören….Vor einigen Jahren war Hannes Wader nach einem seiner Konzerte von einem ihm unbekannten Mann um ein Autogramm gebeten worden, der ihm danach eine CD mit einer eigenen Version des von Wader vertonten und bekannt gemachten „Bürgerliedes“ aus der 1848er Revolution in die Hand gedrückt hatte. Später realisierte Wader, wer ihn da beehrt hatte: Frank Rennicke, der Hausbarde der NPD. Das sei für ihn noch heute ein “Stiefeltritt ins Gesicht, Neonazis singen meine Lieder“ und 2005 schrieb sich Wader mit dem Lied „Stellungnahme“ seine Fassungslosigkeit von der Seele…“
Liebe Thüringer, ich war nicht dabei, aber wenn das alles so zutrifft - auch für mich ist es, wie für Hannes, ein Stiefeltritt ins Gesicht. Die NPD hat nicht das Recht meine Musik, meine Lieder, meine Texte oder was auch immer von mir zu vereinnahmen. Ich verbiete dieser neonazistischen Partei und ihren Gesinnungsgenossen ein für allemal meine Lieder in der Öffentlichkeit zu spielen.
Wir lassen uns u n s e r e Lieder nicht durch euch durch den Schmutz ziehen.
Und als Freund meines hochgeschätzten Kollegen Hannes Wader sage ich mit ihm:

Als erklärter Feind alter und neuer Nazis habe ich immer damit rechnen müssen, von ihnen beschimpft und bedroht zu werden. Aber derzeit geschieht etwas, was mich, als ich davon erfuhr, getroffen hat wie ein Stiefeltritt ins Gesicht: Neo-Nazis singen meine Lieder. Nein, das ist kein Witz. Neben Fassungslosigkeit und Zorn empfinde ich auch Scham darüber, dass sich meine Lieder offenbar, so wie sie sind, in das Gegenteil ihrer Bedeutung verkehren lassen, und im Dienste dessen missbraucht werden können, was ich auf dieser Welt außer Krieg am meisten verabscheue und fürchte: Nationalismus, Verfolgung Andersdenkender, Fremdenhass bis zur Mordgier.

Refrain:
Ist Stillschweigen klüger? Sich niemals beschweren?
Lieber Unrecht erleiden, um Streit zu vermeiden,
der für einen selbst vielleicht übel ausgeht?
Nein! Seiner Feinde muss man sich erwehren
Und sich klar entscheiden, auf welcher von beiden
Seiten – für alle Welt sichtbar – man steht.
(Hannes Wader, aus dem Lied :“Stellungnahme)

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