Gedanken darüber, was ich mit meinen Liedern, Auftritten und Schriften tatsächlich bewirken kann

24.06.2014

Liebe Freunde,
Natürlich mache auch ich mir darüber Gedanken, was ich mit meinen Liedern, Auftritten und Schriften tatsächlich bewirken kann. Selbst meine am meisten bewunderten Vorbilder haben sich – wenn man einen strengen Maßstab anlegt – nicht durchsetzen können. Die Geschwister Scholl haben den Zweiten Weltkrieg nicht zum Stehen gebracht; der Impuls der wunderbaren Petra Kelly ist bei einer sich immer mehr dem bellizistisch-neoliberalen Mainstream anpassenden Grünen Partei verpufft; selbst Gandhis Sieg über die Engländer ist untergegangen in einem blutigen Bruderkrieg zwischen Ethnien und Religionen in Indien. All diese Menschen haben nicht in vollem Umfang gesiegt – aber sie waren tätig geworden. »Es geht ums Tun und nicht ums Siegen!«, habe ich geschrieben, und bewusst nicht: »Es geht ums Denken und nicht ums Sie- gen.« All diese Menschen, die mir so wichtig sind – »meine rebellischen Freunde«, wie ich sie in meinem letzten Buch genannt habe, haben etwas hinterlassen. Der Atem, den eine Petra Kelly ausgehaucht hat, ist in der Atmosphäre noch zu spüren, und er wird noch lange zu spüren sein. Wir müssen Ideen durch Taten in die Welt setzen, ohne darauf zu schielen, ob auch noch der letzte denkfaule Bürger mitzieht. Ich habe es in meinem »Willy« ja einmal recht derb ausgedrückt: »Ma muaß weiterkämpfen, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn.«
Hannes Wader sagte einmal zu mir: »Auch wenn ich mit meinen Liedern überhaupt nichts bewirken würde, ich kann nicht anders, Konstantin.« Das ist großartig, und so müssen wir es machen: Singen, weil wir ein Lied ha- ben, und weiterkämpfen, weil wir gar nicht anders können. Vielleicht war und ist es meine ganz große Chance, dass ich meine Texte mit Musik verknüpfen konnte. Schon als sehr junger Mann wusste ich, dass die einzige Möglichkeit, meine Gedichte unter die Leute zu bringen, nur die Verbindung mit Musik sein konnte. Musik kann verzaubern, emotionalisieren, aufstacheln, aufwecken, zum Träumen anregen. Wenn ich spiele, bin ich fast immer wieder der kleine Junge, der nichts anderes kennt als Melodien, der kleine Junge, der mit seiner Stimme auf einer Leiter in den Himmel hinaufklettert – und wie in dem Märchen mit dem Menschen fressenden Riesen dann dort oben auch auf Monster trifft.
Ungeheuerliches tut sich da manchmal auf, voller teilweise auch schrecklicher Wunder. Denn spätestens seit Rilke wissen wir: »Jeder Engel ist schrecklich.« Auf diese Reise kann ich – so hoffe ich – mein Publikum mitnehmen: auf die Reise ins Unerklärliche, Wunderbare, Geheimnisvolle. Und ja – war- um auch nicht? –, dann schmettern wir eben von »da oben« den grausamen Choral von der Ungerechtigkeit der Welt und die überirdische Melodie von der Zärtlichkeit des Daseins. Ich kümmere mich nicht mehr um moderne oder alte Musik, nicht mehr darum, ob ich ein Neuerer bin oder ein Bewahrer. Es stört mich nicht, wenn mich jemand als einen alten Sack empfindet, der von moderner Musik keine Ahnung hat. Ich mache die Musik, die in mir ist. Besser noch: Sie macht mich, und ich habe keine Chance zu widersprechen. »Du holde Kunst«, heißt es in einem heiligen Schubertlied, »ich danke dir.«

Aus „Mönch und Krieger“
Konstantin Wecker

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