Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?

16.05.2014

Liebe Freunde,
dieses Gedicht Rilkes begleitet mich - wie so viele andere - seit ich es als 14 jähriger, nach Poesie lechzender Junge entdeckt habe.
Mit dem Gottesbegriff Rilkes hatte ich nie Probleme, auch nicht als junger Mann, als ich schrieb:
„Nur die Götter gehen zu Grunde
wenn wir endlich gottlos sind..."
Es bleibt uns ja sowieso nur, die Worte - auch dieses stark missbrauchte Wort „Gott“ - trotz ihrer Besetzung durch Dogmen und Bilder, immer wieder für uns neu zu entdecken und sie mit neuen, eigenen Inhalten zu füllen.
Mir jedenfalls tut es immer wieder gut in unruhigen Zeiten in mich zu gehen und den Meistern zu lauschen.
Die Poesie vermag es, uns eine Ahnung zu vermitteln von dem, was unseren Verstand übersteigt.
Und von dem, was wir vielleicht auch gar nicht wissen wollen.

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel lässt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange -
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

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