Lied vom runden Tisch

06.04.2014

Liebe Freunde,
könnt ihr euch noch an Hanns Dieter Hüsch erinnern? Meinen verehrten Freund und Lehrmeister, den feinsinnigen Poeten, den Menschenfreund Hüsch? Sein Text vom „runden Tisch“ kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich erlebe, wie sich in Facebook und anderen Portalen im Netz die Menschen zerfleischen, gegenseitig verbal anspucken, zumeist ohne jeden Respekt und nur scheinbar furchtlos, denn versteckt hinter einer anonymen Maske, lässt es sich leicht mutig sein.
Ja, diesen Traum zusammen zu sitzen an einem runden Tisch mit all den Andersdenkenden, zusammensitzen und essen und trinken und sich gegenseitig wahrnehmend mit allem was zu einem Menschen gehört: Körper, Tonfall der Sprache, Gestik, Aura - eben nicht nur ein oft fehlerhaftes Geschreibsel, hinter dem man jede persönliche Regung verstecken kann.
(Schon beim Telefonieren mit einem geliebten Menschen ist man zu weit von dessen Gefühlen entfernt, denn die Feinheiten einer Stimme gehen übers Telefon verloren. Wie erst beim anonymen Posten vermeintlicher Wahrheiten.)
Hüsch spricht so schön davon, dass ihm keiner untersagen darf, sich mit einem Liberalen, Christen, Kommunisten zusammenzusetzen. Dieser Liberale, dieser Kommunist, dieser Christ ist mein Freund, sagt er. Mit Ausnahme der Faschisten, heißt es in einem Nebensatz.
Ich sehe das genauso. Denn sich mit Menschen an einen Tisch zu setzen, die alles was mir wert und wichtig ist vernichten wollen, und mich selbst auch lieber tot als lebendig sehen wollen, erscheint mir wenig Appetit anregend und wenig sinnvoll.
Auch ich lass es mir nicht verbieten, einen Erzkonservativen zum Freund zum haben, einen Christen oder einen Kommunisten, denn wir pflegen unter Freunden respektvoll miteinander umzugehen.
Andererseits vermag es eine feinsinnige Sprache auch, differenziert eigene und spannende Ansichten auszudrücken - auch eine gute Polemik kann das - auch wenn man sich nicht persönlich gegenübersitzt.
Und deshalb sollten wir, wenn wir uns auf FB schon nicht persönlich spüren können, uns wieder einer Kultur der Sprache zuwenden.
Wie mir in den letzten Jahren bei FB aufgefallen ist, sollten wir jede persönliche Beleidigung unterlassen, aber jeder einzelne sollte mit sachlicher und emotionaler Kompetenz seine Meinung vertreten.
Und dazu ist es nötig, die Sprache wieder ernst zu nehmen und sie nicht zum Abhusten törichter und unüberlegter Verbalinjurien zu missbrauchen.
Und hier spreche ich nicht als Oberlehrer, liebe Freunde, sondern ich beziehe mich in solche Überlegungen wie immer auch selbst mit ein.
In Gedenken an den unvergleichlichen Freund und Meister der Sprache:
Hanns Dieter Hüsch - Lied vom runden Tisch
https://www.youtube.com/watch?v=zibxL_IODzM&list=RDzibxL_IODzM

zurück