Wie schrecklich flüchtig alles ist

09.08.2013

Liebe Freunde,

gestern wurde ich unfreiwillig Zeuge einer Tragödie. Ich saß fröhlich über den Sommertag in einem Café und neben mir empfing ein Mann, so um die vierzig, einen Telefonanruf. Plötzlich sprang er auf und weinte so bitterlich, dass fast alle Leute um mich herum aufhörten sich zu unterhalten. Er weinte und schluchzte unaufhörlich und ich konnte nicht verstehen, was Schreckliches passiert war, der junge Mann sprach in einer mir unverständlichen osteuropäischen Sprache. Dann eilte eine junge Frau auf ihn zu, und er sagte ihr nur einen Satz und sie brach sofort in Tränen aus. Was sie erfahren haben, war wohl so tragisch, dass die ganze Welt um sie herum nicht mehr existierte. Es gab nur noch diese beiden Menschen und ihr grausames Geschick. Ich habe selten in meinem Leben einen Mann derart weinen sehen und es rührte mich so an, dass ich auch zu weinen begann. Ich versuchte meine Tränen vor den anderen zu verbergen und mir wurde in diesem Augenblick körperlich bewusst, was man sich in Gedanken schon oft ausgemalt hat: wie schrecklich flüchtig alles ist. Alles Glück, aller Besitz, Ehre und Ruhm und wie verletzlich wir Menschen sind. Von einem Augenblick zum andern, im Bruchteil einer Sekunde, kann sich dein Leben radikal verändern, kannst du vom höchsten Sockel stürzen, den du dir so mühevoll aufgebaut hast, in einem Moment liegt deine Welt in Trümmern. Und das haben wir nicht im Griff, auch wenn wir uns noch so sehr versichern, vorsorgen und sorgen. Alle Pläne können mit einem Schlag von einem niemals geahnten, vorhergesehenen, manchmal sogar großmaulig verhöhnten Schicksal zunichte gemacht werden, alle Seifenblasen platzen.

Ich habe ein unendlich zärtliches Gefühl gespürt für diese beiden mir unbekannten, aus aller Sicherheit gefallenen Menschen. Und ich hatte den Eindruck, dass einige der Umstehenden sich gestört fühlten. Gestört vom Leid der anderen, um nicht an die Möglichkeit eigenen Leids erinnert zu werden?

Was ist passiert? Ich werde und will es nicht erfahren. In seinen schlimmsten Momenten ist jeder für sich allein.

Es läßt sich auch keine Lehre aus dem Geschehen ziehen.

Manchmal bricht das Leben eben in unser eigenes Universum mit einer Wucht, dass man nur noch hilflos ist.

Und ganz klein.

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