Woher das Sanfte und das Gute kommt

14.08.2013

Liebe Freunde,

es gibt Gedichte, die begleiten mich seit meiner Jugend. Dieses Gedicht von Gottfried Benn gehört dazu.

"Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt", heißt es da am Ende dieses atemberaubend schlichten Gedichtes. Ich denke heute - anders als früher - zu wissen woher es kommt. Es gehört zum Menschen, zu jedem einzelnen. Es ist in uns. Nur wird es uns immer wieder aberzogen, oder wir vertuschen es um nicht schwach zu erscheinen. Man muss es nur wieder finden....

Ich habe Menschen getroffen, die
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
»Fräulein Christian« antworteten und dann:
»wie der Vorname«, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie »Popiol« oder »Babendererde« –
»wie der Vorname« – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchentisch lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.

Gottfried Benn
1886-1956

zurück