Mikis Theodorakis zur Holocaustleugnung

16.07.2013

Liebe Freunde,

am 6. Juni 2013 hat ein Abgeordneter des griechischen Parlaments, Mitglied der neofaschistischen Partei »Goldene Morgendämmerung«, den Völkermord an den Juden geleugnet. Der Komponist Mikis Theodorakis reagierte darauf mit einem Text, der am 12. Juni 2013 zunächst in der griechischen Tageszeitung Ta Nea veröffentlicht worden ist.

Ich möchte euch einen Ausschnitt aus diesem Text vorstellen, der meineserachtens auch deshalb für uns so wichtig ist, weil viele Dumpfbacken immer noch glauben, nun wäre ja endlich mal Zeit, nicht mehr an die Vergangenheit erinnert zu werden. Das habe mit uns ja nichts mehr zu tun, man sei nicht mehr verantwortlich für all die Sünden der Väter und Großväter, und dergleichen Torheiten mehr.

Hannes Wader sagte mir einmal: Ich denke jeden Tag an den Holocaust. Und ich finde auch, man darf nicht aufhören, sich damit zu beschäftigen, sich und andere daran zu erinnern, denn wir müssen uns immer vor Augen halten, dass so etwas Grauenvolles menschenmöglich ist!!! Nur dann werden wir wachsam bleiben.

"Es ist absolut unerträglich, im griechischen Parlament diese furchtbaren »Meinungsäußerungen« mit anhören zu müssen. Die Tatsache, daß es einem Abgeordneten allen Ernstes in den Sinn kommen konnte, im Parlament den Holocaust der Nazis an den Juden in Frage zu stellen – dieses größte Verbrechen, das in der Geschichte der Menschheit jemals begangen wurde –, diskreditiert uns in den Augen der Weltöffentlichkeit und beschädigt das Ansehen unseres Landes. Das ist absolut verheerend für Griechenland und zudem verbrecherisch, wenn man in Betracht zieht, daß unser Volk eines derjenigen ist, denen die grausame Hitlerbarbarei die schwersten Opfer abverlangte.

Unbestreitbar bedeutet der Völkermord an den Juden – in seinen monströsen Ausmaßen – ein so entsetzliches und unbeschreibliches Verbrechen, angesichts dessen der Mensch sich schämen muß, Mensch zu sein, da die Schlächter von Auschwitz ja Menschen waren wie du und ich, allerdings in Gestalt einer Fehlentwicklung zu humanoiden Bestien. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß sie Kinder, Frauen, Greise – alles Unschuldige, deren einziges »Verbrechen« darin bestand, einem anderen Ethnos und einer anderen Religionsgemeinschaft anzugehören (einem Ethnos, der einen Einstein, einen Freud, einen Marx, einen Mahler und zahlreiche andere Wohltäter der Menschheit hervorgebracht hat) – in Waggons pferchen konnten, als wären es Tiere, sie endlos sich dehnende Tage und Nächte zu deportieren und schließlich diejenigen, die all das überstanden hatten, unbegreiflichen Martyrien und Todesarten auszusetzen. Ein Jahrtausend-Alptraum, bis heute der schlimmste, den die Menschheit kennengelernt hat, ein Alptraum, der dich bereits krank macht, wenn du nur daran denkst, während in deiner Vorstellung diese Opfer – vor allem die Kinder – zu Engeln werden und du schließlich nur noch den unweigerlichen Drang verspürst, vor ihnen niederzuknien, sie auf ewig um Vergebung zu bitten und ihnen wieder und wieder zu sagen: »Ich schäme mich, als Mensch geboren zu sein.«

In Dachau und in Auschwitz wurden nicht nur die Juden ermordet. Der Mensch an sich wurde ermordet. Und seitdem stehen wir alle, die wir überlebt haben, in einer Schuld.
Das ist es, was mich so unerbittlich und entschieden gegen jeden vorgehen läßt, der es wagt, diesen Alptraum durch irgend etwas rechtfertigen zu wollen. Diese Verbrecher von damals haben meinen Glauben an den Menschen getötet. Und keine Macht der Welt kann mich dazu bringen, das zu vergeben."

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