Gedanken zum Jahresausklang

30.12.2012

Liebe Freunde,

ein paar - zugegeben - leicht melancholische Gedanken zum Ausklang des Jahres möchte ich noch mit euch teilen:

Nun höhnen viele, die Welt sei ja doch nicht untergegangen an jenem 21.12.2012.

Aber ist das wahr?

Für viele ist sie untergegangen an und seit diesem Tag.

Unzählige sind verlassen worden von ihren Liebsten, viele haben vielleicht eine schreckliche medizinische Diagnose bekommen an diesem Tag, andere haben sich erhängt oder haben sich den goldenen Schuss gesetzt, manche sind in Heimen elend verendet, andere sind verstümmelt worden von Landminen, erschossen worden in einemunserer unzähligen Kriegsgebiete.

Einige haben den Verstand verloren.

Für unendlich viele Menschen ist die Welt untergegangen.

Auch unter den Lesern dieser Zeilen mag der eine oder andere sein, für den diese Welt nicht mehr so ist wie sie vorher war.

Und das alles ohne irgendeinen Maja-Kalender.

Ja, auch für uns alle, die wir nichts Schreckliches erleben mussten an diesem Tag, ist die Welt untergegangen. Vergangen. Ausgelöscht. Vorbei.

So wie eben alles vorbei geht, nichts jemals beständig ist.

Ich habe mich nicht gefürchtet vor diesem Weltuntergang, denn ich wusste wie so viele Andere, dass die Welt untergeht. Jeden Abend. Jede Sekunde.

Und wieder aufersteht am nächsten Morgen.

Trotzdem freue ich mich beim Aufwachen, wenn sich meine These bestätigt hat. Und lerne immer mehr dafür dankbar zu sein.

(Auch wenn ich mir immer weniger sicher bin ob die Welt sich mich erträumt oder ich mir die Welt erträume. Aber das läuft wohl auf dasselbe raus...)

Eugen Drewermann schreibt in seinem atemberaubend grossartigen neuen Buch : "Die sieben Tugenden" im Kapitel " Glauben":

"Es war der Mann aus Nazareth, der es wagte, in diese unsere bis heute so bestehende und sich immer schlimmer weiterentwickelnde Welt vollkommen ungeschützt hineinzugehen. Im 13. Kapitel der Lukas -Evangeliums droht man Jesus mit Herodes Antipas; der, sagt man, lauere ihm auf. Aber Jesus soll gesagt haben: "Geht, erzählt dem Fuchs, ich heile die Kranken, ich treibe Dämonen aus, heute und morgen." Sinngemäss also sagte Jesus: Was geht mich Herodes an? Was gehen mich überhaupt all die Leute an, die auf den Thronen sitzen und erklären, sie wüssten, wer ich zu sein hätte und was ich zu tun hätte....ich frage mich, wie es möglich ist, die Angst wegzustreicheln, die bis in den Körper hinein Krankheiten erzeugt, und ein Herodes wird mich daran nicht hindern ...selbst wenn er mich verhaften lässt."

Es muss nicht der Mann aus Nazareth sein, der uns die Angst wegstreichelt.

Es können Freunde sein und wir können es auch selbst versuchen, unseren eigenen Weg zu gehen gegen alle Lehrmeinungen und Weltanschauungen, Ideologien, kirchliche Zwänge, gesellschaftliche Mehrheiten, können versuchen die Angst „wegzustreicheln“, wie es Drewermann so schön ausdrückt, diese Angst zu versagen, nicht akzeptiert zu werden, dem Erfolgsdruck nicht stand zu halten, die Angst verlacht zu werden, wenn man zum Beispiel Vegetarier ist oder Pazifist, wenn man Kleidung anhat, die nicht hip ist, wenn man zu wenig Geld hat um angesehen zu sein, all die Ängste die uns daran hindern zu rebellieren, mitfühlend zu sein, das zu sein, was wir wirklich sind:

Fehlerhafte Menschen und keine perfekten Kampfmaschinen, keine Wölfe unter Wölfen, wie es uns immer wieder eingeredet wird.
Ja und vielleicht können wir uns ja im nächsten Jahr vermehrt auch gegenseitig unsere Ängste wegstreicheln, denn es wird wohl kälter werden.

"Lass uns miteinander reden und umarmen wir jetzt jeden der uns braucht in dieser bitterkalten Zeit"

Ich wünsche uns allen für 2013 eine „nuova realtà“, in der wir enger zusammenrücken, um uns besser an- und auflehnen zu können.

Eugen Drewermann
Die sieben Tugenden
oder
Weisen, mit sich eins zu werden
Patmos Verlag

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