Zum Syrien Aufruf

12.12.2012

Liebe Freunde,

manchmal lässt mich der Zustand der Welt ziemlich ratlos sein.

Angesichts der grauenvollen Verhältnisse in Syrien habe ich einen Aufruf unterschrieben, den mein verehrter Freund Hans Peter Dürr mit unterschrieben hat, ebenso wie Elmar Altvater, den ich sehr schätze. Einen Aufruf von „medico international“ in dem mich Sätze wie diese durchaus überzeugt haben:
„Die Lage in Syrien erscheint hoffnungslos. Kein Dialog ist in Sicht und niemand scheint das andauernde Töten stoppen zu können. Jede Waffenlieferung – ob aus Russland, den USA, dem Iran, Europa, der Türkei oder den Golfstaaten – wird die ohnehin bestehende humanitäre Katastrophe verschlimmern. Jede militärische Aufrüstung der Anrainerländer birgt die Gefahr einer Regionalisierung des Krieges. Jede andere Form der offenen militärischen Intervention wird die politischen Kräfte an den Rand drängen und die Opposition in Syrien weiter spalten.“

„Noch immer finden jeden Freitag hunderte von unbewaffneten Demonstrationen statt; weiterhin versuchen AktivistInnen dort, wo sich der Staat zurückgezogen hat, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten. Sie alle, vor allem die vielen aktivistischen Frauen, haben keine hier bekannten Namen und kein prominentes Gesicht. Doch sie sind die neue Generation Syriens, die nicht nur Nachbarschaftshilfe für unzählige Inlandsflüchtlinge leistet, sondern Tag für Tag den Boden für ein zukünftiges demokratisches, multi-ethnisches und multi-religiöses Land bereitet. Ihnen gilt unser solidarischer Beistand, unser Respekt und unsere praktische politische Unterstützung.“
Nun wurde mir von einigen Seiten - auf durchaus freundliche Weise gesagt - ich hätte damit „keineswegs die Zivilgesellschaft Syriens gestärkt, sondern diejenigen Interessen, die Lybien in eine Hölle auf Erden gebombt haben“

Wer mich kennt, weiss, dass ich mich dem Pazifismus verschrieben habe und dass es mir gerade darum geht, die zivilen Kräfte zu stärken. Ich konnte diesem Text nicht entnehmen, dass er indirekt - wie mir jetzt geschrieben wurde - den Einsatz deutscher „Patriot“ Raketen befürworten würde. Das wäre entschieden gegen meinen Willen.

Auch Flugverbotszonen , wie 2011 in Libyen stehen für mich nicht zur Debatte.

Dieser Aufruf darf nicht zum Einfallstor werden zu einer militärischen Option.

Wir brauchen eine Logik des Friedens und nicht des Krieges.

Ich bin dafür, alles zu tun, um das Morden in Syrien zu beenden. Meine Vorstellung von "alles" schließt aber militärische Mittel eindeutig aus. Denn bei aller Ratlosigkeit, ist mir soviel klar: mit Waffen kann man keinen Frieden schaffen. Und auch hier müssen wir uns dem Diktat der ewigen Alternativlosigkeit entziehen. Es kann nicht sein, dass wir bei jedem Konflikt in jedem Land immer nur die Frage zu beantworten haben: Militärintervention, ja oder nein? Aber man hat eben ein Wirtschaftssystem, das auf Konflikt abzielt ("Konkurrenzprinzip") und eine globale Elite, die an Kriegen prächtig verdient.
Ich gebe zu, dass ich bei meiner Unterschrift nicht bedacht habe, dass genau dies nicht ausdrücklich mit erwähnt wurde, und deshalb wohl auch Personen unterschrieben haben, die militärische Interventionen durchaus als Mittel der Wahl sehen.
Deshalb werde ich die Entwicklung und die Folgen des Aufrufs genau beobachten und wenn nötig meine Unterschrift zurückziehen.
www.medico.de

Update 12.12.2012:
Liebe Freunde,
ich bin schon lange nicht mehr der Meinung, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte und dass ich im Besitz der endgültigen Wahrheit sei. Vielleicht war das mal als junger Mann so, aber ich habe zu viele Niederlagen einstecken müssen mit meinen „Wahrheiten“, sie haben sich so oft als eben nicht so in Stein gemeisselt erwiesen, dass ich vorsichtiger geworden bin.

Den aufrechten Gang möchte ich nicht verlieren, aber der bedeutet nicht, dass ich nicht auch mal eine Meinung ändern könnte. Meine Haltung hingegen möchte ich nicht verändern.

Antimilitarist war ich schon von Kindheit an, mein Vater hat immerhin den Mut besessen unter Hitler den Kriegsdienst zu verweigern. Und das prägt.

Und zum Pazifismus habe ich mich entschieden, weil es auch einen gewissen Schutz vor der eigenen Gewalttätigkeit bietet, die zweifellos in jedem von uns, wenn auch verborgen, wohnt.

Immer wieder wird Pazifisten vorgeworfen, dass Hitler von Pazifisten nie besiegt worden wäre. Das ist zweifellos richtig. Bei meinen Auftritten während des Irakkrieges mit Eugen Drewermann ist ihm auch immer wieder diese Frage gestellt worden.

Er hat damals ähnlich geantwortet, wie ich es jetzt wieder in einer Rede vom Februar 2001 in der Frankfurter Rundschau gefunden habe.

Er kann es zweifelsohne besser erklären als ich:
"Was wäre passiert, wenn man 1918, am Ende des Ersten Weltkrieges, gesagt hätte: "Nach dem Zersprengen, Zerfetzen, Zerstechen, Zerschießen und Vergasen von mehr als 10 Millionen Menschen kann es diesseits und jenseits der Front keine Sieger mehr geben. Wir alle haben unsere Menschlichkeit in den Schützengräben und unter dem Stahlhelm verloren, als wir glaubten, in den Fabriken des Todes Menschlichkeit, Freiheit und Kultur verteidigen und durchsetzen zu können. Wir alle sind im Krieg zu Verbrechern geworden." Hätte man so gesprochen, - der Mann aus Braunau wäre nie etwas anderes geworden als Postkartenmaler in Wien. Der Pazifismus hätte Hitler verhindert; einzig der Pazifismus. So aber wollten die einen gesiegt und die anderen nicht verloren haben. So begann der Weg in das blutigste Jahrhundert, das die Menschheit je gesehen hat. "Giftgas, Flammenwerfer, Handgranaten, Bajonette, Trommelfeuer, Sperrfeuer, Panzerwagen, Lazarett und Typhus - mehr geht nicht", schrieb Erich Maria Remarque 1929. Er sollte sich irren. Es ging noch viel mehr.

Flächenbombardements auf Rotterdam und Coventry, damit begann’s, "Operation Gomorrha" - 40 000 Tote im Feuersturm von Hammerbrok in einer Nacht, so ging es weiter, 1 Million Tote in dem Inferno von Tokio . . . "In Dresden und in Hiroshima hat man Hitler mit Hitler besiegt", resümierte am Ende Mahatma Gandhi, und er erläuterte: "Es hat ein Christentum im Abendland nie gegeben, sonst wären von dort nicht immer wieder die schlimmsten Kriege ausgegangen." In der Tat: Die Frage des Friedens ist die Frage nach der Art, was für Menschen wir sind.

Update 13.12.2012:
Liebe Freunde,
mein Freund und Mentor Hanns Dieter Hüsch hat es wie immer auf den Punkt gebracht:
„Alle haben Recht“!
Schade, dass dieser großartige Mensch und Künstler so schnell vergessen wurde.
youtube video

Update 13.12.2012 (2) - Widerruf:
Liebe Freunde,
von Freunden der Friedensbewegung wurde ich auf eine Aussage von Ferhad Ahma, Beiratsmitglied und einer der Hauptinitiatoren von „adopt a revolution“ hingewiesen. Herr Ahma hat am 03.12. im DLF gesagt:"Ich glaube, um schnellstmöglich einen Sturz des Regimes herbeizuführen, brauchen die Rebellen nach wie vor effiziente und bessere Waffen. Ansonsten wird dieser Kampf sich noch in die Länge ziehen." Unter diesen Umständen muss ich meine Unterschrift unter den Syrien-Appell zurückziehen. Das verstehe ich nicht unter einer zivilen Demokratisierung. Im Vordergrund für alle sollte die Dialogbereitschaft stehen. Im Lichte dieses Zitats wird dann leider auch der Appell interpretiert werden und dessen Beklagen der "anhaltenden Selbstblockade im UN-Sicherheitsrat" - einer Blockade des Bombardements Syriens, das ich keinesfalls unterstütze.

Dieser Aufruf darf nicht zum Einfallstor werden zu einer militärischen Option.

Wir brauchen eine Logik des Friedens und nicht des Krieges.

Ich gebe zu - und ich bedaure es - dass ich bei meiner Unterschrift nicht bedacht habe, dass der Ausschluss jedes militärischen Eingreifens nicht ausdrücklich in dem Syrien-Aufruf mit erwähnt wurde, und deshalb wohl auch Personen unterschrieben haben, die militärische Interventionen durchaus als Mittel der Wahl sehen.

Dem kann ich nicht zustimmen.

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