Vom Eingesperrtsein

16.10.2012

Liebe Freunde,

am Freitag werde ich im Gefängnis spielen. In der Justizanstalt Garsten in Österreich. Mittags nur für die Gefangenen, abends auch für Besucher.

Erinnerungen werden wach. Zum Beispiel als ich mit Joan Baez in Hamburg im Knast spielte. Die harten Jungs konnten es nicht fassen, als Joan auf die Bühne kam. Viele hatten Tränen in den Augen. Mir misstrauten sie anfangs etwas, bis der Bann gebrochen war, als ich eine Geschichte aus „Uferlos“ vorgelesen habe. Da wussten sie, dass ich auch weiß, wovon ich rede. Ich dachte damals nicht im Traum dran, dass ich einige Jahre später selbst wieder einsitzen würde. Es kann so schnell passieren.

Und deshalb spiel ich so gerne in Gefängnissen. Für die Gefangenen. Weil ich weiß, wie schnell sich das Leben ändern kann. Wie schnell man von der Sonnenseite in die Nachtseite fallen kann.

Und wie heisst es so schön im Münchner Volkslied St. Adelheim:

„Da sperrns oft kloane Leut und selten Große ein.“

Die großen, kaltblütigen Verbrecher sitzen meistens nicht in Gefängnissen, sondern in Chefetagen.

Jeder Mensch ist ein eigenes Universum und wir wissen zu wenig von den Wirkkräften dieser anderen Universen, als dass wir das Recht hätten uns moralisch über sie zu stellen.

Was nicht heisst, dass wir nicht für unsere Ideen und ethischen Grundsätze kämpfen sollten. Aber eben nicht mit moralischer Überheblichkeit. Sondern mit Mitgefühl und Vernunft.

Ich glaube mit diesem Lied gelang es mir damals am besten, die Gefühle des Eingesperrtseins auszudrücken:

I lieg am Ruckn, schaug in d´Sonna,
die Wolkn ziagn da draußd vorbei.
Wahrscheinlich is scho wieder Sommer -
mir is des alles einerlei.

I geh im Kreis, was soll i macha.
I krei mi in mei Bettzeug nei.
I werd verruckt, wenn d´andern lacha,
denn die san frei.

Lauter Gitter vor die Augn,
die Welt mit Nebelschwadn verklebt.
Es gibt ja eh ned vui zum Schaugn,
wenn ma sei Lebn im Käfig lebt.

Manchmal kommt wia nebenbei
a oider Gruch von draußen o:
Des muaß as Lebn gwesen sei,
a Ahnung hat ma no davo.

Fangt mi wirklich koaner auf,
hat denn koaner mehr a Herz frei?
Bloß a Lächeln, bloß a Wort,
braucht a bloß a liaber Blick sei.
Fangt mi wirklich koaner auf?

I war a Adler, wißts es no,
und mir war klar: Nix bringt mi um.
Und jetzat kriach i, schaugts mi o,
am Boden ohne Flügel rum.

Manchmal foid a Fetzen Himmel
durch die Gitter in mei Herz,
und dann reit i auf am Schimmel
für Sekunden himmelwärts.

Fangt mi wirklich koaner auf,
hat denn koaner mehr a Herz frei?
Bloß a Lächeln, bloß a Wort,
braucht a bloß a liaber Blick sei.
Fangt mi wirklich koaner auf?

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