Zur modischen Idee, der Rassismus habe die Seite gewechselt

09.11.2012

Liebe Freunde!

Der entschiedene Wille zum Missverständnis ist keine gute Basis für eine fruchtbare Auseinandersetzung. So wird auf facebook von einigen wenigen Kommentatoren in den Raum gestellt, ich sei anscheinend "Rassist" geworden - denn ich habe mich in meinen Anmerkungen zur Präsidentschaftswahl in den USA mit einigem Spott über das Wahlverhalten weißer, alter Männer mit Hochschulabschluss geäußert.

Nun bin ich ja selber ein weißer, alter Mann, noch dazu ohne Hochschulabschluß. Aber diese neuerdings modische Idee, der Rassismus habe gewissermaßen die Seite gewechselt, dieses Gerede von "Inländerfeindlichkeit" oder von einem "Rassismus gegen Weiße" ... nein, Freunde: wenn von Rassismus in den USA und anderswo die Rede ist, kann es wohl kaum um weiße Männer gehen, nach wie vor!

Die USA zum Beispiel sind auf der Sklaverei begründet worden. Das Wahlrecht der Schwarzen in den USA wurde erst 1966 landesweit durchgesetzt. Auch in den Jahrzehnten danach gab es massive Einschränkungen dieses Wahlrechts durch gezielte Desinformation schwarzer Wähler, bürokratische Schikanen oder einfach dadurch, dass in mehrheitlich von Afro-Amerikanern bewohnten Gebieten viel zu wenig Wahllokale eingerichtet wurden. Der legendäre "Recount" in Florida bei der gestohlenen Wahl 2000 (Bush vs. Al Gore) ist ein gutes Beispiel dafür.

Der Rassismus in den USA hat aber neben solchen politisch-kriminellen Machenschaften - zu deren Resultaten auch die aberwitzig hohe, afro-amerikanische Knastbevölkerung zu rechnen wäre - , eine strukturelle und ökonomische Seite. So hat sich der Wohlstandsunterschied zwischen weißen und afro-amerikanischen Familien in den letzten 23 Jahren vervierfacht (Zahlen von 2011). Im Durchschnitt verfügt eine weiße Familie über 100.000 Dollar mehr als eine afro-amerikanische Familie.

Sind es diese wirtschaftlichen Unterschiede, die erklären, dass der Multimillionär und Hurra-Kapitalist Mitt Romney sogar unter weißen Arbeitern die Mehrheit gewinnen konnte, während Asian-Americans, Afro-Americans und Hispanics mit riesigem Abstand für Obama votierten? Amerikanische Linke argumentieren seit jeher, dass der Rassismus in den USA die sozialen Konflikte fatal überlagert. Und in vielfältiger Weise ist der klassenübergreifende Block des alten, weißen Amerika ganz genau das Problem, wenn es um eine fortschrittliche Entwicklung des Landes geht.

Erinnern wir uns doch bitte daran, wie die Republikaner in den Jahrzehnten von Richard Nixon bis Bush Nummer 2 ihre Wahlen gewonnen haben: mit wüsten Kampagnen gegen alternative Lebensweisen, gegen das Recht auf Abtreibung, gegen Schwule und Lesben, mit offenem und subtilem Rassismus und immer wieder mit Angst, Angst, Angst. Jedenfalls wird man es jener Mehrheit der Minderheiten, die Obamas erneuten Wahlsieg ermöglicht hat, wohl von Herzen gönnen, dass jetzt sie sich durchgesetzt haben, zum zweiten Mal nach 2008.

Dass am Wahltag auch zwei grauenvoll sexistische Senatoren der Tea-Party abgewählt wurden, vier Bundesstaaten die Homo-Ehe per Volksentscheid eingeführt und zwei Staaten Marihuana legalisiert haben, rundet das Bild ab. In den USA verschieben sich die Gewichte. Und sie verschieben sich weg von denen, die 200 Jahre lang das Sagen hatten und ausnahmslos alle Präsidenten stellten, hin zu einer Regenbogenkoalition, die sämtliche unterdrückte Gruppen vereinigt und in der die sozial Schwachen stark vertreten sind.

Ich habe keine Illusionen in eine Regierung Obama. Ich weiß, dass er auch sehr viel Geld von Konzernen bekommen hat. Die werden dafür etwas zurückfordern. Obama ist kein Antikapitalist und vor allem hat er, der Drohnenkrieger, den Friedensnobelpreis leider genauso zu Unrecht erhalten wie dieses Jahr die EU.

Aber ich bin froh über die Entwicklung, die sich in seinem erneuten Wahlsieg ausdrückt. Ich gehöre eben zu jenen weißen, heterosexuellen, alten Männern, die vor Moslems und Schwulen und Schwarzen, vor selbstbewussten Frauen und vor der guten, alten "gelben Gefahr" keine Angst haben. Ja, sicher: das Zusammenwachsen der Menschheit geht nicht ohne Konflikte und Brüche ab. Aber es ist eine begrüßenswerte, unverrückbare und überfällige Entwicklung, dass die Menschheit sich endlich so bunt und vielfältig zeigt, wie sie in Wahrheit schon immer war - auch in den höchsten Posten einer Gesellschaft, die trotz alledem weiterhin radikal verändert werden muss.

PS: Um zu sehen, was uns erspart geblieben ist: in diesem Video spricht Mitt Romney über seinen Glauben...
youtube video

Euer Konstantin

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