Die Doppelzüngigkeit der öffentlichen Erregung

21.08.2012

Liebe Freunde,

der SPIEGEL schreibt zu Recht vom Schandurteil von Moskau, wenn es um die Verurteilung der Frauen von Pussy Riot geht. Und nicht nur der SPIEGEL. Alle bundesdeutschen Blätter und Politiker, SängerInnen und Kulturschaffenden von Bild bis bis Westerwelle sind sich darin einig, dass zwei Jahre Arbeitslager für die Punkerinnen und ihre Aktionen ein im demokratischen Sinne völlig absurdes Strafmaß ist.

So weit so gut und richtig.

Interessant ist, dass zur gleichen Zeit Wikileaks-Gründer Julian Assange von vielen Medienvertretern mit Häme überzogen wird, weil er die Frechheit besitzt, zu versuchen, mit einem Asyl in Ecuador sein Leben zu retten.

Unser Mitarbeiter von "Hinter den Schlagzeilen", der Historiker Dr.Alexander Bahar, schrieb mir heute:
"Mit seinen Enthüllungen amerikanischer Kriegsverbrechen hat sich der Australier den Zorn Washingtons zugezogen. Die mutmaßliche Quelle für die von Wikileaks veröffentlichten US-Depeschen und das Video „Collateral Murder“, das zeigt, wie US-Soldaten im Irak offensichtlich unbewaffnete Zivilisten, darunter zwei Reuters-Journalisten, gezielt töten, ist der US-Gefreite Bradley Manning, der in Irak beim militärischen Nachrichtendienst stationiert war. Manning wurde inzwischen u.a. des Landesverrats angeklagt, ihm droht die Todesstrafe. Mindestens acht Monate hat er in Isolationshaft verbracht; zeitweise wurde er gezwungen, nackt in seiner Zelle zu sein oder zu Appellen anzutreten; und es wurde ihm verweigert, ohne Aufsicht und Überwachung mit dem UN-Sonderberichterstatter über Folter, Juan Ernesto Méndez zu sprechen. Der hat inzwischen festgestellt, dass die Behandlung Mannings womöglich gegen die UN-Antifolterkonvention verstoßen hat, auf jeden Fall aber „grausam, unmenschlich und erniedrigend“ sei. Eine mögliche Erklärung für Mannings Behandlung sehen seine Anwälte darin, dass die US-Regierung ihn dazu zu bringen versuche, Assange derart zu belasten, dass auch gegen ihn eine Klage in dieser Sache möglich wird."

Und nun will man mit an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen Julian Assange über Schweden an die USA ausliefern und vor ein paar Stunden erreichte uns die Meldung, dass sie ihn großzügigerweise nicht ausliefern, sollte ihm die Todesstrafe drohen.

Aber lebenslänglich Knast (eventuell Folter inclusive) sind ja kein Problem für einen - ja was nun - "Vaterlandverräter"

Was mich maßlos ärgert ist die Doppelzüngigkeit der öffentlichen Erregung.

Menschenrechtsverletzungen in manchen Ländern werden nun einmal lieber verschwiegen.

Liebe Freunde von der Presse, unterstützt doch bitte Assange und Manning mit der gleichen Power wie Pussy Riot.

Oder ist die Presse wirklich - wie es Fallada schon in "Bauern, Bonzen und Bomben" schrieb - nichts als Reklame?

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