Wunderkinder in Neuseeland

09.09.2012

Liebe Freunde,

vor fast 2 Jahren wurde ich in dem anrührenden und meiner Meinung nach sehr gelungenem Film „Wunderkinder“ von Marcus O. Rosenmüller, in der Rolle eines SS - Standartenführers besetzt. Diese intensive und teilweise schmerzhafte Dreharbeit wurde zur vielleicht wichtigsten Erfahrungen der letzten Jahre für mich.

Mein Vater gab mir den Grundsatz mit auf den Lebensweg, ich solle mich davor hüten, jemals eine Uniform anzuziehen. Mir leuchtete das stets ein und ich habe mich daran gehalten, aber nun konnte ich am eigenen Leib erfahren, wie Recht er hatte.

Noch im Garderobenwagen, bei der ersten Anprobe, mutierte ich innerhalb von Minuten in dieser Uniform, die für mich immer nur eine lächerliche Maskerade gewesen war, zu einem Monstrum.

Die für mich erschreckende Erkenntnis war, dass ich mich nicht besonders anstrengen musste zu spielen. Ich entdeckte den Reiz und das Vergnügen an der Macht in mir selbst und begann im Laufe der Drehzeit streckenweise sogar richtig Spaß an dieser Rolle zu empfinden. Ja, so widerwärtig mir selbst es im Nachhinein erscheinen mag - ich gefiel mir kurzfristig darin mit Menschen umzuspringen, als wären sie Marionetten meines grausamen Spiels. Und mir ist seitdem bewusst, dass ich über 50 Jahre aktiven Antifaschismus nicht nur gegen äussere Feinde betrieben habe, sondern wohl auch gegen den inneren Schweinehund.

Faschismus beginnt in der Wohnküche, sagte einst mein künstlerischer Ziehvater Hanns Dieter Hüsch. Er beginnt vor allem tief in einem selbst, möchte ich hinzufügen, dort wo wir ihn oft am wenigsten vermuten.

Dennoch war es nicht nur eine große Herausforderung für mich, diese Rolle zu spielen, sondern auch eine große Chance, unter der einfühlsamen Regie von Marcus einmal in die Haut des Feindes zu schlüpfen.

Nächstes Wochenende startet der Film in Neuseeland - eine für euch sicher nicht wirklich spannende Information - aber ich freu mich so über den Vergleich meiner Arbeit mit Ralph Fiennes und Schindlers Liste, dass ich euch diese Kritik aus Übersee einfach posten möchte. Denn so oft passierts ja nun wirklich nicht, dass mein Name in den Medien ausserhalb des deutschsprachigen Raumes erwähnt wird.

„.... The acting from the three young leads is first-rate, but honours go to Konstantin Wecker, who turns in the most malevolent study in cultured-evil-with-a-demonic-smile since Ralph Fiennes in Schindler’s List....“

PS: Die ganze Originalkritik könnt ihr hier im Link lesen, herzlicher Dank an Annette White (facebook) für die Übersetzung:

www.flicks.co.nz

Wunderkinder ist die erdichtete Geschichte einer Kinderfreundschaft die von der Grausamkeit einer auf Zerstoerung erpichten Erwachsenenwelt auf die Probe gestellt wird. In der Ukraine anfangs der 40er Jahre befreundet sich Hanna (Mathilda Adami) , ein deutsches Maedchen, mit zwei russischen juedischen Kindern an: Abrascha (Elin Kolev) ein begabter Geigenspieler, und seine Freundin Larissa (Imogen Burrell), die Klavier spielt. Erst verfolgen die Bolschewiken die Deutschen, Hanna und ihre Familie muessen sich verstecken und werden von ihren auslaendischen Freunden behuetet. Dann greift Deutschland an, die Lage wendet sich, und die deutsche Familie beschuetzt ihre juedischen Freunde vor der Deportierung in die Nazi-Todeslager.

Ob die Unterdruecker Stalins Kommunisten oder Hitlers Faschisten sind, wie einer der Erwachsenen erklaert: “Der politische Kampf vernichtet die Menschen. Der Kampf des Einzelnen ist alles, was uebrig bleibt.” Es handelt sich also um eine Moralitaetengeschichte, die sich gegen den Hintergrund des europaeischen Aufruhr abspielt. Die Schauspielkunst der drei jungen Hauptdarsteller ist erstklassig, aber Konstantin Wecker soll besonders geruehmt werden, denn er stellt den boesesten kulturvollen Menschen mit daemonischem Laecheln dar, den man seit Ralph Fiennes in Schindlers List gesehen hat.

Unter Marcus Rosenmuellers geschickter Regie ist Wunderkinder ein deutscher Film, der die deutsche Geschichte ernsthaft in Angriff nimmt. Manche moegen es zwar anfangs seltsam finden, dass alle, auch die Russen, Deutsch sprechen, aber Wunderkinder ist ein einflussreiches Drama. Indem es durchweg den Blickpunkt seiner drei kindlichen Hauptpersonen behaelt, kann es Herzenwaerme und Humor anbieten und eine Antwort auf die Frage vorschlagen, warum unsere Welt so oft von Krieg, Greuel und Hass geschaedigt wird. Warum? Na, wie es einer der Kinder so schoen kurz sagt: “Weil Erwachsene eben bloed sind.”

zurück