Das vielleicht letzte Tabu unserer Gesellschaft

25.02.2012

Ein Hospiz sorgt im Hamburger Süden für Ärger. Nachbarn fürchten mehr Verkehr, den Anblick von Leichenwagen, einen Wertverlust ihrer Immobilien. Zwei Anwohner haben einen Anwalt eingeschaltet. Wie nah darf der Tod den Menschen kommen? (Spiegel)

Seit fast zwei Jahrzehnten setze ich mich für die Hospizbewegung ein. Und ihr könnt mir glauben, es ist nicht leicht den Menschen den Tod nahe zu bringen.

Ein als spendabel bekannter Sponsor, der für mehrere Hilfsprojekte schon viel Geld zur Verfügung gestellt hatte, wurde gebeten auch für ein Hospiz zu spenden. Er schüttelte den Kopf: „auf keinen Fall!“ Auf die Frage warum er für ein Hospiz nicht, aber für die Krebshilfe so großzügig spende, antwortete er:
„Krebs könnte ja auch ich mal bekommen...“

Krebs vielleicht - aber sterben nie! Wir verdrängen den Tod, weil wir unsterblich sein wollen. Solange es einigermaßen gut läuft und die Schmerzen nicht zu groß sind. Wir wollen unsterblich sein, weil wir nicht verstehen, dass alles vergänglich ist, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.

Weil wir glauben mit der richtigen Lebensversicherung, mit dem richtigen Bausparvertrag könnten wir das Schicksal austricksen. Man führt uns kerngesunde, blendend aussehende Senioren vor, die mit kerngesunden blendend aussehenden Kindern auf sonnigen Wiesen vor einem kerngesunden, blendend aussehendem Haus spielen. Wenn wir bezahlen, wird die Zukunft rosig. Und wer arm ist hat sowieso keine Zukunft.

Eine Gesellschaft von Kontrollfreaks! Unseren Mann, unsere Frau, unsere Kinder, unsere Zukunft und vor allem: unser Schicksal. Alles wollen wir kontrollieren. Deshalb gibt’s wohl so viele Burnouts. Dieses Kontrollieren macht doch unendlich müde.

Ich bin Pate für das Kinderhospiz „Löwenherz“ und habe mich lange nicht zu einem Besuch entschließen können. Ich hatte Angst.Und als ich da war wollte ich nicht mehr fort. Ein Haus des Lebens, nicht des Todes, ein fröhliches Haus, in dem der ungeheure Schmerz nicht ausgeklammert wird. Dort erlebt man wie Schmerz und Glück und Tod und Neubeginn zusammengehören. Dort wird das Leben nicht vom Tod besiegt, aber der Tod dennoch nicht ausgeschlossen.

Meine Mama hatte das große Glück für die letzten Wochen ihres Lebens eine Hospizplatz in München zu bekommen.

Ich werde allen MitarbeiterInnen bis ans Ende meines Lebens dankbar sein.

So sollte man sterben dürfen, von körperlichen Schmerzen weitgehend befreit, umsorgt und behütet, gestreichelt und umarmt. In Liebe aufgehoben.

Viele Pflegerinnen und Pfleger mit denen ich gesprochen habe, sagten mir, sie würden um nichts in der Welt ihren Beruf gegen einen anderen eintauschen wollen.

Vielleicht, weil sie durch den selbstverständlichen Umgang mit dem Tod die Nähe zum Leben umso intensiver spüren?

Auch in diesem Hospiz gab es Nachbarn, die sich gestört fühlten durch einen Leichenwagen, der ein oder zwei mal die Woche an ihrem schönen Heim vorbeizufahren wagt. Immer mit der Ausrede man wolle das den Kindern nicht zumuten. Das ist die wohl dümmste Ausrede, die man sich einfallen lassen kann. Wer Kinder liebt und sie wirklich kennt, weiß welch wunderbar selbstverständlichen Umgang gerade Kinder mit dem Tod haben.

Es sind die verklemmten Erwachsenen, die sich davor fürchten mit ihren Kindern auch vom Tod zu reden. Dabei wissen Kinder so viel mehr von Geburt und Sterben und Da-sein im Augenblick als wir.

Mich haben meine Kinder schon nach dem Tod gefragt, als sie ganz klein waren. Und als sie die tote Oma im Sarg gesehen haben, waren sie echter und ehrlicher und unverstellter als alle Erwachsenen.

Und ich weiß, dass auch bei der Gründung eines anderen Kinderhospizes das unsägliche Argument vorgetragen wurde, das würde die Grundstückspreise verderben.

Kann man noch zynischer sein? Kann man noch deutlicher zeigen, dass man eine tragische Marionette eines materialistischen Weltbildes und seiner Propagandisten ist? Zur Herzlosigkeit erzogen von einem grausamen System, dessen einziger Wert nur noch der Besitz zu sein scheint.

Erst schwoll mir der Kamm als ich diese Meldung gelesen habe. Und dann dachte ich mir, dass Menschen die sich aus diesen fadenscheinigen Gründen gegen ein Hospiz in ihrer Nachbarschaft wehren, bedauernswert sind. Gerade ihnen würde nämlich die Nachbarschaft eines solchen Hauses sehr gut tun.

Ein Haus in dem gelacht und geweint und geschwiegen und gebetet wird, ein uneitles Haus, denn im Angesicht des Todes relativiert sich so viel und Dinge die uns gestern noch unendlich wichtig waren, ehemals große Dinge, werden ganz schnell ganz klein.

Ein Haus das vereint, statt zu trennen.

Ein Haus in dem sicher keine fehlerfreien, aber auf jeden Fall bewundernswerte, selbstreflektierende und vor allem mitfühlende Menschen arbeiten. Aber über die berichtet man ja nicht. Da ist in Gala und Bunte kein Platz. Höchstens wenn Paris Hilton mal zufällig vorbeigeht, weil sie denkt, dieses Haus sei eine neue Parfümerie.

Ich wäre jeder Werbeagentur dankbar, die den Mut hätte für ein würdevolles Sterben zu werben. Denn der Hospizgedanke muss in die Öffentlichkeit getragen werden.

Ich danke euch, dass ihr zu Ende gelesen habt.

Bei einem Thema, das das vielleicht letzte Tabu unserer Gesellschaft ist.

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