Der Tod ist groß

14.03.2012

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

An dieses Gedicht Rilkes musste ich denken, als ich heute morgen im Radio die Meldung hörte über ein Busunglück, bei dem wohl über zwanzig Schulkinder gestorben sind. Kinder auf der Heimfahrt nach einem Ferienausflug, fröhliche Kinder, Kinder die sich alle darauf freuten, wieder nach Hause zu kommen. Auf Eltern die auf ihre Kinder warteten, um sie endlich wieder in den Arm nehmen zu können. Als ich die Nachricht im Auto hörte, musste ich weinen. Ich konnte nicht mehr weiterfahren.

Man muss nicht Vater oder Mutter eines Kindes sein, um sich vorzustellen, welch ein ungeheurer Schmerz die Eltern überfällt, sie unerwartet anspringt und in die tiefste Dunkelheit stößt. Eine Dunkelheit, der viele nie mehr entfliehen werden können.

Ich weiß, täglich passieren auf der Welt entsetzliche Dinge, auch in unserem engsten Umfeld gibt es immer wieder unerwartetes, plötzliches Leid und wenn man sich dem nicht immer wieder auch entziehen könnte, wären wir gar nicht lebensfähig.

Aber manchmal packt es einen, dieses Leid der Anderen als wärs das eigene. Es gibt Momente wo wir spüren, dass wir mit dem Schmerz anderer Menschen verbunden sind, fast als wären wir eins.
Ein Schmerz in dem Vorurteile, Ideologien, soziale Unterschiede keine Rolle mehr spielen. Ein Schmerz, der uns daran erinnert, wie endlich und verletzlich wir alle sind. Auch wenn wir uns noch so unverwundbar geben.
Ein Schmerz der uns zeigt, wie brüchig unsere Welt ist, die wir uns so mühsam errichtet haben, wie sinnlos unsere Rollenspiele, in die wir kurz darauf wieder eintreten, weil wir ohne sie wohl nicht zurechtkommen miteinander.

In diesem Moment hab ich nur die Sehnsucht alle zu umarmen, die das Schicksal so grausam auserwählt hat.
Ja natürlich, man stellt sich bei solchen Ereignissen auch immer vor, wie es wäre wenn man das alles selbst durchmachen müsste. Und man ist dankbar, dass man verschont wurde.

Aber nicht in diesem einen Augenblick des Schmerzes, in dem man spürt, dass Mitgefühl kein leeres Wort ist.
Es ist eine Chance um inne zu halten. Wenn wir uns mitten im Leben meinen.
Das Leid der Anderen bietet uns die Möglichkeit bewusster im Leben zu stehen.
Wir sollten diese Augenblicke zulassen.

Mascha Kaléko

Memento!

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben…
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr
- und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!

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