Für Georg Kreisler

23.11.2011

Liebe Freunde,

zutiefst erschüttert muss ich nun, nur ein paar Tage nach dem Tod Franz Josef Degenhardts, schon wieder von einem Meister Abschied nehmen, der mich - nicht nur in meinen Anfangsjahren - inspiriert hat wie kaum ein anderer.

Georg Kreisler ist tot. Kreisler verstarb gestern im 90. Lebensjahr in Salzburg, wie die „Salzburger Nachrichten“ vermeldeten. Gerade jetzt auf meiner Tour musste ich immer an ihn denken wenn ich "Das Lächeln meiner Kanzlerin" spielte. Ohne Kreisler wäre dieses Lied nie entstanden. und ganz sicher nicht nur dieses Lied. Ich habe es ihm jeden Abend gewidmet. und ich hätte ihn so gerne noch einmal in Salzburg besucht....
Am 21.5.2004 habe ich diese Laudatio für Georg Kreisler gehalten. er bekam den Ehrenpreis des Bayrischen Kabarettpreises für sein Lebenswerk.
Er sagte mir anschließend, dass ihm diese Laudatio sehr gefallen habe.

Wer im deutschsprachigen Raum Lieder schreibt und gar noch am Klavier sich selbst begleitend singt, kommt an ihm nicht vorbei.
Ob man ihn bewundert - wie ich - oder nicht: Georg Kreisler hat Maßstäbe gesetzt. Als Autor, als Musiker und als Sänger.
Dass er zeitlos gültige und gute Texte geschrieben hat, wird ihm kein intelligenter Mensch absprechen können.
Sein ganzes Liedgut scheint manchmal ein Konvolut aus sibyllinischen Versen.
Seine Poesie mäandert streckenweise durchs wilde Absurdistan, um dann in einer Art umgekehrtem Syllogismus vom Besonderen aufs Allgemeine zu schließen.

Was für ein grandioser Musiker, Arrangeur und Musicalkomponist er ist, wird oft verschwiegen.
Dass er einer der wenigen ist, die deutsch so singen, dass man jedes Wort versteht, die Melodie nicht verraten wird und man dabei auch noch berührt wird, wird erst gar nicht erwähnt.
Und genau das soll man ihm erst einmal nachmachen. Und sein unvergleichliches Vibrato, das er so hinterfotzig einsetzen kann.
Und sein müheloses durch alle Stilrichtungen gleitendes Klavierspiel.
Seine harmonischen Brechungen und Unverschämtheiten, wenn’s dem Text dient.
Ich konnte mich an Kreisler nicht satt hören und hab ihn natürlich, ganz im Brechtschen Sinne, hemmungslos kopiert.
Auf meiner ersten Schallplatte, den "Sadopoetischen Gesängen des Konstantin Amadeus Wecker", kreislerts gewaltig.

In den 70ern war Kreislerplattenhören ein Muss auf jeder Party und auch heute noch stehen, wie ich mir sagen ließ, seine Lieder bei vielen Jugendlichen hoch im Kurs.
Ich habe den Meister ein paar Mal live in der Lach- und Schießgesellschaft gehört und zuletzt, vital und präzise wie eh und jeh, vor einigen Jahren hier im Lustspielhaus.
Und wenn man ihn leibhaftig erlebt wird einem klar, dass er seine vielgerühmte Bosheit nicht um der Bosheit willen oder wie heute oft um der Quoten willen auf die Menschheit loslässt, sondern weil er ein verzweifelt Liebender ist.
Einer der etwas gerade rücken will, der als Jude in Wien tief verletzt worden ist, 1938 emigrieren musste, aber, und vielleicht gerade deshalb ein humanistisches, menschliches Anliegen hat.
Kreisler geht es wie allen ernsthaften Dichtern um die Liebe, und es ist der Verlust der Liebe, der ihn so kränkt. Und so gehören auch seine manchmal etwas spröden Liebeslieder zu den schönsten dieser oft missbrauchten Gattung.

Woher ich das zu wissen glaube?
Einen Musiker kann Kreisler nicht täuschen. Mögen seine Texte noch so zynisch anmuten, oftmals verletzend scheinen - in allen Liedern ist eine große Empathie zu spüren. Mag sein es ist das teilweise sehnsüchtige Timbre seiner Stimme, das manchmal so gar nicht zur knallharten Aussage passt, aber vor allem sind es seine Melodien: Wem solche Melodien zufallen, der kann nicht so bösartig sein wie seine Texte vermuten lassen.

Als er nach seinen Konzerten in der Lach- und Schießgesellschaft mit dem Publikum anschließend diskutieren wollte, hat das viele gewundert.
Ich fand es mutig und richtig, sich mit denen auseinanderzusetzen, die sich ausschließlich beim "Taubenvergiften" auf die Schenkel schlagen wollten.
Georg Kreisler, und deshalb achte ich ihn besonders, ist Zeit seines Lebens ein "engagierter" Künstler gewesen.
Engagement wird ja heutzutage gerne im Blödelwahn verspottet, und umso erstaunlicher war für mich die Aussage des "Star search" - Comedian Jungstars Thomas Müller vor einigen Tagen im Spiegel Gespräch:
"Die guten Leute zeichnet aus, dass jeder von ihnen eine Message hat. Eine persönliche Haltung zur Politik und zu unserer Umwelt muß auch im Programm deutlich werden. Plattes Abspulen von Witzchen langweilt mich."
Halten Sie durch, Herr Müller.
Nehmen Sie sich an Kreisler ein Beispiel.
Kreisler hat Musicals und Theaterstücke geschrieben, er war in den USA als Filmkomponist und Interpret seiner Chansons erfolgreich, bevor er 1955 in Wien in der "Marietta-Bar" erstmals seine genialen Lieder auf sein Publikum losließ.
Ohne ihn wäre das neue, deutschsprachige Liedgut sehr viel ärmer.

Ich kann mir keinen vorstellen, der diesen Preis für sein Lebenswerk mehr verdient als dieser Großmeister des Chansons.

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