Zeit für die Stille

30.12.2011

Alfred Brendel spielt nun schon zum zehnten Mal den zweiten Satz des 3. Klavierkonzertes und ich frage mich zum hundertsten Mal, wie es Beethoven gelungen ist mit dieser schlichten und unverschnörkelten, uneitlen und ganz und gar unspektakulären Melodie in mir so tiefe Gefühle zu erwecken, sich seit Jahrzehnten so in meinem Herzen derart festzusetzen, dass mich jedesmal wieder beim Spielen oder Anhören dieser Melodie Bilderfluten meiner Kindheit überfallen, und nicht nur meiner Kindheit, eigentlich meines ganzen Lebens.

Dieses Largo führt mich durch geheime Zauberkraft zu mir selbst und verführt mich dazu, mir wieder selbst zu begegnen. Und so lasse ich unweigerlich das letzte Jahr mit seinen Erfolgen und Niederlagen Revue passieren.

Und ich frage mich, ob ich mir denn genügend Stunden wie diese gegönnt habe in diesem turbulenten und - weshalb sollte ich es auch abstreiten - beruflich dank eurer Zuneigung wirklich sehr erfolgreichen Jahr.

Selbstverständlich werde ich nun nicht ausschließlich zweite Sätze klassischer Komponisten hören - obwohl es nicht die schlechteste Option wäre - aber ich will mir ernsthaft vornehmen mir mehr Zeit für die Stille einzuräumen. Und so sehr ich mich auch darum bemüht habe, vor allem in den letzten Jahren, so richtig leicht fällt mir mein jüngstes Verhältnis mit der Stille immer noch nicht. Leider genügt es ja nicht, mit einem Zenmeister befreundet zu sein, um dann auch gleich meisterlich zu meditieren.

Ich hab mich doch immer wieder zu gern berauschen lassen von Turbulenz und Ablenkung, Aufregung und Fehltritten, um das alles so kampflos aufzugeben.

Aber vermutlich gehts ja gar nicht darum alles aufzugeben. sondern darum, immer wieder das rechte Maß zu finden zwischen Laut und Leise, Allegro und Adagio, Ritardando und Accelerando und Zärtlichkeit und Wut - so wie es die großen Künstlerinnen und Künstler immer in ihren Werken gefunden haben.

Nicht zwangsläufig auch in ihrem Leben.

Auch ich bin als Kind nicht gerade in den großen Topf des Maßhaltens gefallen, und das rechte Maß ist mir doch ganz schön oft entglitten. Vielleicht verzaubern mich deshalb diese strengen klassischen Sätze mit ihren festen Formen und unmerklichen Regeln, die zwar immer wieder durchbrochen wurden, aber doch eher um zu beweisen, dass man sich mit ihnen intensiv auseinandersetzte. Und nun im Alter, wenn die Unsterblichkeit der Jugend als Illusion entlarvt ist und die Zeit ein völlig anderes Gewicht bekommt, gerade weil sie einem wie Sand durch die Finger rinnt, jetzt wär es vielleicht doch endlich an der Zeit sich ihr zu stellen. Vielleicht kommt man ihr ja in der Stille auf die Schliche. Und wenns nur derart ist, dass man sich nicht mehr von ihr beherrschen lässt.

Zugegeben, leicht melancholische Gedanken, aber die sind zum Jahresende doch auch gestattet.

Obwohl ich mir ja nichts mehr vornehmen wollte zum neuen Jahr, weil ich es noch nie eingehalten habe, ist mir nun doch ein Vorsatz passiert.

Und euch wünsche ich ein Jahr, in dem ihr die Kraft habt all das durchzusetzen wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Innen wie aussen. Im eigenen Herzen wie in der Welt.

Alles Liebe
Euer Konstantin

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