Der Jubel der Jäger

04.05.2011

Liebe Freunde!

Der große jüdische Denker und Kulturwissenschaftler George Steiner philosophiert in seinem Essay „warum Denken traurig macht“ über das Streben nach objektiver Wahrheit, das seit Parmenides als herausragendes Merkmal des westlichen Menschen gilt.

Und er setzt sich mit der Geschichte der Wahrheit auseinander - ein Begriff, der jeglicher Absolutheit widerspricht, denn das Absolute hat keine Geschichte! Er kommt zu dem Schluss, dass Wahrheitsaussagen letztendlich fehlerhaft und falsizifierbar sind, revidiert und verworfen werden können. „... gleich jenen Superstrings in der heutigen Kosmologie schwingt Wahrheit in mannigfaltigen Dimensionen, verweigert sich aber jedem endgültigen Beweis.“

Wie wahr ist das Böse? Wie berechtigt die Freude über die Ermordung eines „Bösen“?

Und sind es die Richtigen die sich freuen und die Falschen die darüber wütend sind?

Oder gehören sie irgendwie sogar zusammen?

Arundhati Roy, die indische Schriftstellerin, weist darauf hin, dass Bin Laden und George W. Bush gegenseitige Spiegelbilder sind:
„Was ist Osama Bin Laden? Er ist das amerikanische Familiengeheimnis. Er ist ... der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Aussenpolitik verwüstet wurde, ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre kühle Missachtung aller nichtamerikanischen Menschenleben, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes...ihre marodierenden Multis, die sich die Luft aneignen die wir einatmen, die Erde auf der wir stehen, das Wasser, unsere Gedanken...“

Eine demokratische Gesellschaft muss sich vor hasserfüllten Bin Ladens und seinen Spießgesellen schützen. Aber wie? Indem wir werden wie sie? Oder indem wir uns weiterhin demokratischen Grundwerten verpflichtet fühlen? Indem wir zeigen, dass Folter nie und nimmer ein Weg sein kann, der uns dem Ziel einer gerechten Gesellschaft näher bringt. Und indem wir zeigen, dass die gezielte Ermordung missliebiger Personen kein Mittel eines Rechtstaates sein darf.

Und worin unterscheidet sich eine Bundeskanzlerin, die öffentlich Mord bejubelt von jenen, die klammheimliche Freude über die Ermordung Bubacks zeigten? Ach so. Die eine jubelt über eine gerechte Sache. Die anderen freuten sich klammheimlich über das Böse...

"Hass ist der Beweggrund einer mörderischen Zerstörungslust, die dazu führt, dass Täter und Opfer immer weniger unterscheidbar sind", schreibt Arno Gruen.

So sehr wie mich die Jubelgesänge gewisser Teile der arabischen Welt nach der Ermordung von 3000 Amerikanern angewidert haben, widern mich die Jubelorgien gewisser Amerikaner nach der Ermordung Bin Ladens an.

Auch bin ich sehr verunsichert. Welcher Berichterstattung darf ich bitte glauben?

Und schließlich: Wer ist ab wann böse?

Wie böse ist zum Beispiel Gaddhafis Sohn? Derselbe Sohn wurde jahrelang von der Münchner Polizei beschützt, tafelte mit dem Polizeipräsidenten im Luxushotel, durfte straflos besoffen Autofahren, mit Waffen handeln. War er damals nicht so böse wie jetzt, da er den Tod durch NATO-Bomben angeblich so sehr verdiente? Und seine drei bösen Enkelkinder gleich mit?

Man stelle sich mal vor - drei Kinder des Sohnes eines amerikanischen Präsidenten werden als Kollateralschaden gekillt. Man hat, wenn man die Berichterstattung liest in den westlichen Medien, in der ich kein bisschen Mitgefühl für diese unschuldigen Kinder spürte, das Gefühl, dass arabische Kinder nun mal weniger wert sind und von Grund auf verdächtig.

Und Osama Bin Laden. War dieser "Terrorfürst" weniger böse, als er von den USA einst zum Terrorspezialisten ausgebildet wurde ... um in Afghanistan gegen die Sowjetunion zu kämpfen? War er damals noch gut und wurde erst böse, als er sich gegen seine ehemaligen Meister wandte?

Jetzt aber musste er - unbewaffnet zwar! - an Ort und Stelle exekutiert werden, natürlich. Eine Gefangennahme kam ja gar nicht in Frage. Denn was hätte ein öffentliches Verfahren gegen diesen ehemaligen CIA-Agenten nicht alles für Peinlichkeiten bieten können?

Ich bin Pazifist. Pazifismus ist radikal, weil er konsequent ist. Ich kämpfe gegen den Militarismus der NATO-Staaten. Und für mich ist auch kein islamischer Attentäter ein Held oder durch die Besatzung seines Landes moralisch gerechtfertigt.

Und es tut mir herzlich leid, aber diese Jubelorgien in den USA, die Freude über einen gelungenen Mordanschlag, dieses martialische Gehabe und die rustikalen Heldengeschichten - das alles widert mich einfach nur an. Über die dienstfertigen Glückwünsche der deutschen Spitzenpolitik - kein Wort!

Mit einer solch mangelhaften moralisch-ethischen Grundausstattung, mit diesen ständigen kollektiven Rückfällen in die Barbarei jedenfalls, werden wir keine bessere Welt bauen.

PS: Der Codename der US-Geheimdienste für Osama Bin Laden übrigens lautete: Geronimo! Also war das wohl die Neuauflage der Jagd auf einen aufständischen Indianer-Häuptling? Die indigene Bevölkerung dieses Kontinents jedenfalls wurde, nach neuesten Forschungen, von den Siedlern aus Europa zu 98% ausgerottet. Das ergibt dann vermutlich 98% moralische Überlegenheit des Westens…

Euer Konstantin

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