Spanien und mein radikaler Altersstarrsinn

24.05.2011

Liebe Freunde!

immer wieder werde ich gefragt, warum ich mir das denn antun würde, mich in meinem Alter noch einzumischen, Protestlieder zu schreiben, und „verbissen“ gegen die Ungerechtigkeit anzusingen.

Andere, wie zum Beispiel Joschka Fischer, seien doch auch schließlich vernünftig geworden, wie es der Spiegel kürzlich lobend erwähnte:
„Seine (Fischers) Biografie war zu einem weiteren Beweis für die alte bürgerliche Anthropologie geworden: Man mochte als Jugendlicher radikal und links sein, doch das hielt nicht an, wenn man älter wurde, im Beruf Erfolge aufwies, Familien gründete. Letzten Endes würden sie alle vernünftig werden, konservativ, staatstragend, ordentlich gekleidet, das Eigentum achtend.“

Nun - da liegt ein Denkfehler vor, wenn nicht sogar eine vorsätzliche Lüge. Sich zu empören und zu engagieren wird nämlich immer mit Lustfeindlichkeit in Verbindung gebracht, mit missionarischer Verbissenheit, mit eingezogenem Hintern und tiefen Falten um einen niemals lachenden Mundwinkel. Fast kommt einem da unsere Bundeskanzlerin in den Sinn, und die ist nun wirklich keine Revoltionärin....

Welche Lust ist aber nun gemeint, der wir angeblich so feindlich gegenüber stehen?

Die Lust Geld zu raffen, zu betrügen, hirnlos zu konsumieren, gedankenlos Plattitüden von sich zu geben?

Zugegeben, da fällt es nicht schwer lustfeindlich zu sein.

Oder ist die Lust gemeint sich um nichts zu kümmern, das ungeheure Leiden um uns herum nicht wahrzunehmen, vielleicht sogar mit Füssen zu treten?

Oder die Lust an der Gewalt? An immer neuen Kriegen mit immer neuen Waffen, die Lust an der Waffenshow derzeit in Lybien etwa, wo man schon das Gefühl hat an den meisten dieser Hightech Wunderwerke hängen Preisschilder dran?

Oder die Lust blindlings alles zu glauben, was einem bestimmte mächtige Medien ins Hirn blasen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen?

Wenn das Lust ist find ich das in der Tat nicht lustig.

Aber ich kann und will diesen ausgemacht lustvollen Gegnern unserer Lustfeindlichkeit nicht so recht glauben.

Man schaue sich mal diese verkniffenen Gesichter der Apologeten der Finanzwirtschaft mal an, die fast ersticken an der Bürde ihrer Macht und der Rolle die sie uns vorspielen.



Und nun seht euch die Menschen aus Spanien an, diese lebendigen Gesichter und sie zeigen uns doch allen: Widerstand macht Spaß!!

Es macht Spaß sich zu engagieren, sich mit anderen Menschen zu verschwestern und verbrüdern, mit all denen, die auch nicht mehr angelogen werden wollen, die sich nichts mehr vormachen lassen, denn - wie Stephane Hessel es so schön schrieb - heute ist es keine große Kunst mehr sich zu informieren.

Widerstand ist nicht nur ein Grundrecht des Menschen, Widerstand ist auch Vergnügen, weil man seine Meinung nicht mehr verstecken muss, bis man am Schweigen erstickt, weil man ja im tiefsten Inneren sowieso weiß, dass man mit allem was lebt verbunden ist und deshalb nicht fliehen kann vor dem Elend.

Weil man, um nur ein Beispiel zu nennen, genau weiß, dass etwas faul ist an einem Krieg der die Lybische Bevölkerung beschützen will, während man eben dieser Bevölkerung dann die Hilfe im eigenen Land verweigert. Auch wenn man es aus ideologischen Gründen nicht erwähnen darf.

Nein , ich bin nicht perfekt und kein Gutmensch und bin zu verschwenderisch und liebe manchmal den Luxus und trenne nicht immer den Müll - aber ich bin bereit mich zu verändern und mich überzeugen zu lassen auch von einer anderen Lebensweise, mit anderen zusammen und wenn sich eine Welt verändern würde (und das muss sie) würde ich mich mit verändern.

Das alles geht nicht über Nacht und ich glaube nicht an Revolutionen, die von einem Tag auf den andern eine bessere Welt und vor allem bessere Menschen schaffen wollen.

Aber ich bin überzeugt von der Kraft der Bewegung, des Lebendigen und dazu gehören viele und liebevolle gewaltfreie Menschen und ganz bestimmt nicht wieder eine neue oder alte Ideologie oder gar ein neuer oder alter Heilsbringer.

Gerade schrieb mir eine erzürnte Frau, wie ich so verrückt sein konnte in diesem Camp in Stuttart zu spielen, das doch nur die Wiesen verdrecken würde und die Revolution vorbereiten würde.

Ich war da und habe eine Menge sehr bewusster, sehr freundlicher und lustvoller Menschen erlebt und wenn es darum ginge mit deren Ideen zu leben oder mit dem, was uns unsere Gesellschaft als lebenswert vorgaukelt - ich würde keine Sekunde zögern und mich diesen Ideen anschließen.

Und all diejenigen, die jetzt den so notwendigen zivilen Widerstand in diesem keineswegs Umweltzerstörenden Camp erproben, sind beileibe auch nicht perfekt und auch da gibt es d Egomanen und Selbstdarsteller, Reibereien und viele Widersprüche - aber sie wollen aufbauen, vereinen und bewahren anstatt zu zerstören und zu spalten.

Und diese Menschen sind ja auch nur eine Teil einer internationalen Bewegung der ich von Herzen wünsche, dass sie nicht die Fehler macht der 68er Generation, deren zum Teil großartigen Ideen am Machismo und am Fundamentalismus der meisten ihrere Vordenker zerbrochen sind.

Also - ich muss mir gar nichts antun und es ist keine große Anstrengung mich weiter einzumischen, denn es bereichert mich immer wieder, macht einen Riesenspaß und ist mir nach wie vor eine große Lust.

Danke an alle, die dabei sind. In Gedanken, Taten, mit Liedern und Ideen, nah oder fern. Wie sagte Bert Brecht so schön:

Kultur ist das Vergnügen, die Welt zu verändern.

Euer Konstantin

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