Gegensätze singen sich an

30.06.2011

Liebe Freunde,

heute ein Gastbeitrag von Roland Rottenfußer, der seit einigen Jahren unser Webmagazin www.hinter-den-schlagzeilen.de betreut. Genau so habe ich es auch empfunden.

Gegensätze singen sich an

Rudi Gauls Film „WaderWeckerVaterland“ dokumentiert die gemeinsame Tournee und die Lebenswege der beiden großen Liedermacher.

Die Filmpremiere „Wader Wecker Vater Land“ von Regisseur Rudi Gaul fand am vergangenen Dienstag, 28. Juni, im voll besetzten Carl-Orff-Saal (München) statt. Das Werk fand beim Publikum begeisterte Aufnahme und dürfte die Erwartungen der meisten wohl sogar übertroffen haben. In Gesprächen nach Ende der Aufführung herrschte Einigkeit, dass man ein handwerklich brillantes, einfühlsames und tief gehendes Porträt der beiden Künstler gesehen hatte. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Konzertfilm, Interviewfilm und Lebensporträt. Wer wollte, konnte mit Hilfe der Aufnahmen von den Konzertproben sogar einen Blick hinter die Kulissen werfen und eine Ahnung davon erhaschen, wie sich ein Auftritt aus Künstlersicht „anfühlt“. Wie viel jemand auch immer über Hannes Wader und Konstantin Wecker zu wissen glaubt, hier erfährt er garantiert Neues und Interessantes. In parallelen Handlungssträngen zeichnet der, gemessen an seinen „Helden“, noch recht junge Rudi Gaul einerseits den Verlauf der letztjährigen Wecker-Wader-Tournee nach; andererseits erzählt er in Einschüben auch von der bewegten Lebensgeschichte der beiden neben Reinhard Mey wichtigsten deutschen Liedermacher. Dies gelingt durch historisches Bildmaterial sowie Konzertausschnitte von den 70ern bis heute glänzend. Geschickte Schnitte, Tonschnitte und Überblendungen verknüpfen die Handlungselemente mit eleganter Leichtigkeit und zugleich logisch zwingend.

Wecker und Wader „wollen im Grunde dasselbe“, und doch sind es zunächst vor allem die Unterschiede, die ins Auge fallen. Hier der „idealtypische linke Sänger“, groß, schlank und langhaarig, die Gitarre umgehängt, ein musikalischer Minimalist, erfüllt von einer zornigen Ernsthaftigkeit. Dort der kurzhaarige Bodybuilder, Lebemann und Klavier-Kraftmensch, der die große Geste und das üppige Arrangement liebt. Bei den Proben wirkt Wecker meist energischer, besser aufgelegt. Er „verführt“ mit übersprudelnder Herzlichkeit und Flirtblick, und an manchen Stellen erscheint er dominant. Der Münchner ist gegenüber dem Bielefelder im Vorteil, weil daran gewöhnt, eine größere Band zu dirigieren. Wader dagegen stand bisher meist allein auf der Bühne. Alle Verantwortung lastete dann auf ihm, aber er hatte auch jederzeit alles im Griff. Der Film zeigt das berührende Porträt eines im Grunde scheuen Mannes, der nach 40 Jahren Bühnentätigkeit noch immer fürchtet, seine Sache nicht gut genug zu machen. Keiner seiner Zuschauer auf der Bühne oder im Kinosaal wäre wohl auf diese Idee gekommen. So gelingt es Hannes im Film, mit sympathischer Unbeholfenheit und trockenem Humor viele Lacher einzuheimsen. Einmal, verzweifelt von all dem Neuen, das auf ihn einstürzte, meinte Wader, er wolle nie mehr mit jemandem gemeinsam auftreten, nicht einmal mit Bob Dylan oder Paul McCartney. Man mag diesen Mann, weil er seine Zweifel durch eine gütige Art der Selbstironie erlöst zu haben scheint.

Das „Vaterland“ im Titel kommt nicht von ungefähr. Zunächst wird damit auf Lieder beider Künstler angespielt: Wader meinte, wenn er sehe, wie Ausländer ermordet würden, wolle er weder ein Fremder noch ein Deutscher sein. Und Wecker sang: „Ein ganzes Land als Vater war schon immer eine Lüge.“ Dieses Hadern mit der eigenen Herkunft ist typisch für die Generation, der beide angehören. Das Wort „deutsch“ wird von linken „68ern“ fast nie ohne Abscheu oder Ironiesignale verwendet. Wecker entdeckte erst spät einen positiven Begriff von „Heimat“, der er von dem des „Vaterlands“ abgrenzte. Wader fordert würdevoll, wir hätten, verdammt noch mal, mit unserer deutschen Vergangenheit zu leben, auch mit sechs Millionen ermordeter Juden. Dem entsprechend ist der Faschismus – neben dem Krieg – für beide Liedermacher Feindbild Nr. 1.

Gerechtfertigt ist der Titel aber auch, weil der Film eine Art Schnelldurchlauf durch die Epoche darstellt. Die 68er-Bewegung und die Restauration in den 70ern, die Terror-Hysterie wie auch der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks werden im Spiegel der persönlichen Entwicklung beider Protagonisten gezeigt. So gab Wader an, er habe sich durch seine Rolle als Liedermacher isoliert gefühlt, einsam im Schöpfungsakt wie auf der Bühne, ohne inneres Zentrum. Erst der Eintritt in die DKP Ende der 70er-Jahre habe ihm einen festen Standort, Gemeinschaft und Heimat gegeben. Selbst Anfeindungen als Kommunist habe er damals als Beleg für seine feste Verortung in einem Weltbild begrüßt. Mit der Wende und den nach und nach enthüllten Fakten über den Ostblock sei sein Weltbild jedoch zusammengebrochen. Die Wunde war nicht mehr zu schließen, er hat lediglich gelernt, mit ihr zu leben. Konstantin Wecker fühlte sich dem gegenüber eher auf der Flucht vor kommunistischen Vereinnahmungsversuchen. Er wollte frei sein, sich selbst auszudrücken, lyrisch, mit bourgeoisen musikalischen Stilmitteln und notfalls auch politisch unkorrekt. „Keine Parolen, schenk lieber noch mal ein!“ Das gleiche Einsamkeitsgefühl, das Wader beschreibt, versuchte Wecker auf einem anderen Weg zu kompensieren: durch den Absturz in die Droge.

Diese Gemeinschaft zweier ausgeprägter Individualisten funktioniert nur, weil „jeder den anderen anders sein“ lässt. Es funktioniert auch nicht ohne beiderseitigen spitzbübischen Humor. Es ist in der Tat zu wünschen, dass auch nach dem Abschluss der laufenden Tournee noch „kein Ende in Sicht“ sein wird. Der Film ist auch ein Indiz dafür, dass die öffentliche Wahrnehmung von Wecker und Wader in eine neue Phase eintritt. In der ersten (etwa bis Anfang der 80er) waren linke Liedermacher „in“ und über die Grenzen des Milieus hinaus populär. In der zweiten hat man sie ignoriert, als lebende Fossile bespöttelt – oder sie waren aus den falschen Gründen prominent (siehe Weckers Kokain-Affäre). Jetzt könnte ein drittes Stadium beginnen, in dem man sie als Klassiker wahrnimmt und würdigt – analog zu George Brassens und Jacques Brel in Frankreich. Der Blick der jüngeren Generation wäre weniger getrübt durch politische Parteilichkeit und schmerzlich erlebte Zeitgeschichte, dafür aber gerechter und nicht ohne Sympathie. Zu wünschen wäre es den beiden, denn „wird es nach uns wohl noch jemand geben der, wenn unser Gesang erst für immer verklingt, noch unsere Lieder singt?“ (Wader)

Euer Konstantin

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