Ich will wissen!

04.07.2011

Liebe Freunde!

Von wo bezieht die Bundesregierung das Uran für die Atomkraftwerke? Die Regierung hält genaue Informationen über die Herkunft für überflüssig, heisst es heute in Spiegel Online.

Überflüssig?

Wie es aussieht, passt diese Haltung perfekt in eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten vertuscht, dass unser Wohlstand an das Leid anderer geknüpft ist. Man ahnt es, aber man will es nicht wissen. Man will es nicht wissen, weil diese Erkenntnis zu einem radikalen Umdenken führen würde und uns verpflichten würde, unsere Lebensweisezu überprüfen, zu ändern. Andernfalls aber würde uns dieses Wissen beschweren mit einem kaum tragbaren Rucksack voller Schuld und Mittäterschaft.

In einer Anfrage der Linken an den deutschen Bundestag heisst es:
„Dass der Abbau von Uran zahlreiche Risiken für Mensch und Umwelt mit sich bringt, ist seit langem bekannt. Menschenrechts- und Umweltstandards werden oftmals missachtet. Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker befinden sich zudem rund 70 Prozent der bekannten weltweiten Uranvorkommen auf Gebieten indigener Völker. Am Beispiel Niger werden die verheerenden Auswirkungen besonders deutlich. (…) Messungen von Greenpeace im November 2009 in den Straßen der Minenstadt Akokan zeigten Werte bis zu 500 Mal über der normalen Hintergrundstrahlung.“

Wir leben in einer Zeit, die es uns erlaubt an Informationen ran zu kommen, die uns noch vor zehn Jahren nicht verfügbar waren. Eigentlich könnten wir alles wissen. Und wir sind verpflichtet, wachsam und wissend zu sein, und der Demokratie auf die Finger zu klopfen, wenn sie selbstverliebt zu verkrusten beginnt.

Aber das Wissen, das ich meine, ist kein reines Faktenwissen. Denn es setzt voraus, dass man das Leid der Anderen überhaupt empfinden kann - und will. Diese Empathie kann man nicht erzwingen, vor allem wenn die sogenannte Elite unserer Gesellschaft uns vorlebt, wie erfolgreich man als nicht empathischer und hemdsärmeliger Macher sein kann. Aber jeder, der in seinem Leben schon einmal einen schweren Schicksalsschlag wie zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen hinnehmen musste, weiß, dass man Mitgefühl wieder in sich entdecken kann. Dazu muss man dem eigenen Schatten zu begegnen gewillt sein, den Schmerz in der eigenen Seele zulassen.

Lange dachte ich, Depressive wären wehleidige Hypochonder, denen mit einer kalten Dusche sofort geholfen werden kann. Bis ich in mir selbst die Schwermut entdeckte und mir zugestand, dass die Schwermut ein Teil meines Lebens ist, die sanfte Schwester, wie Eugen Drewermann sie einmal beschrieb, ohne die man nie ein wirkliches Mitfühlen entwickeln kann.

Solange wir uns vorgaukeln, wenn wir nur die Augen verschließen, kann uns das manchmal so entsetzliche Leid unserer Mitmenschen nicht erreichen, solange wir wie kleine Kinder glauben, mit geschlossenen Augen sieht man uns nicht, werden wir unserem eigentlichen Wesen immer wie einem Fremden gegenüberstehen.

Besser wir schauen uns die Welt an, wie sie ist, mit all ihrer unglaublichen Schönheit, aber auch mit all dem Grauen, das uns so oft umgibt.

Nur wenn wir hinsehen, können wir selbstbestimmt etwas unternehmen.

Solange wir unseren Regierenden überlassen, die Welt für uns zu filtern, werden wir immer wieder überrumpelt werden von Ereignissen, die wir nicht so haben wollten und mit denen wir nicht einmal annähernd gerechnet haben.

Ich will wissen! Diese Haltung ist die Grundvoraussetzung für eine selbstbestimmte Gestaltung der Welt. Ich will wissen, woher das Uran kommt, das wir mit angeblich sauberen Händen kaufen. Ich will wissen, an wen wir unsere Waffen verkaufen. Ich will wissen, welche Zusatzstoffe in Lebensmitteln sind, und zwar ausnahmslos alle. Ich will wissen, ob man uns genmanipulierten Mais unterjubelt. Ich will wissen, was genau in Fukushima geschehen ist, geschieht und welche Folgen das hat. Ich will wissen, mit welchen dreckigen Geschäften die Deutsche Bank ihre hohen Gewinne erzielt. Und ich will wissen, wie viele Kinder täglich sterben müssen, damit wir ein materiell sorgenfreies Leben führen können.

Ich bin kein Gutmensch und kein guter Mensch und ich weiß, dass ich noch vieles in meiner Lebensführung werde ändern müssen.

Aber ich will mich all den Ungereimtheiten stellen - meinen eigenen und denen der Welt. Wie anders könnte ich mir sonst Verse daraus machen

Euer Konstantin

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